"Es ist nicht die Zeit für Experimente"

Auf EU-Ebene wird derzeit heftig über die Landwirtschaft gefeilscht. Und in Berlin beginnt heute der diesjährige Bauerntag. Über seine Erwartungen und die möglichen Ergebnisse hat TV-Redakteur Rolf Seydewitz mit dem Präsidenten des Bauernverbands Rheinland-Nassau, Leo Blum, gesprochen.

Es ist ja kein Zufall, dass der Bauerntag in Berlin ist, geht es doch auch darum, einen Forderungskatalog für die Bundestagswahl zu verabschieden. Was wird drinstehen?
Leo Blum: Es ist kein Zufall. Der sogenannte kleine Bauerntag ist alle zwei Jahre in Berlin. Ansonsten hatten wir bislang die Regelung, dass jedes Mal ein anderes Bundesland den Bauerntag veranstaltet hat. Künftig wird ein solcher großer Bauerntag aber wahrscheinlich nur noch alle vier statt bislang alle zwei Jahre sein.
Und was wird denn nun im Forderungskatalog für die Wahl stehen?
Blum: Wir haben eine Menge Forderungen an die Politik. Ein Punkt ist die neue EU-Agrarpolitik, die ja nur über Bund und Länder beeinflusst werden kann. Da geht es vor allem darum, die Finanzmittel zu stabilisieren. Und es geht um das sogenannte Greening, das die Landwirtschaft umweltfreundlicher machen soll. Nach den Plänen sollen unter anderem sieben Prozent der landwirtschaftlichen Fläche nur noch extensiv genutzt werden.
Was erwarten Sie da konkret?
Blum: Dass Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner hart bleibt. Wir können es uns in einer Zeit der Futtermittel- und Nahrungsmittelknappheit nicht erlauben zu extensivieren. Es ist nicht die Zeit für Experimente.
Heißt das, dass nicht so viele Subventionen in den ökologischen Bereich fließen sollen?
Blum: Natürlich soll auch ein Teil in den ökologischen Bereich fließen. Aber es darf nicht übertrieben werden. Noch einmal zum Thema Flächennutzung: Wenn künftig sieben Prozent extensiv genutzt werden sollen, muss das kontrolliert werden. Wir haben jetzt schon viel zu viele Kontrollen und eine überbordende Bürokratie.
Zurück zur Bundespolitik: Wie zufrieden sind die Bauern und Winzer denn mit der schwarz-gelben Bundesregierung?
Blum: Man muss die Alternativen sehen. Für die Bauern und Winzer wäre es gut, wenn Schwarz-Gelb an der Macht bliebe.
Warum?
Blum: Weil wir von den Vorstellungen der Grünen im Besonderen, aber auch der SPD nicht überzeugt sind.
Dann könnten sich doch die Politikerinnen Andrea Nahles (SPD) und Renate Künast (Grüne) ihren heutigen Auftritt beim Bauerntag sparen …
Blum: Das würde ich so nicht sagen. Es gibt mittlerweile auch eine Reihe Bauern, die SPD oder Grüne wählen. Es ist nicht mehr so wie früher, als die Bauern eine Bank für die CDU waren. Die Zeiten sind vorbei.
Wie sind die Bauern und Winzer mit der rot-grünen Mainzer Landesregierung zufrieden?
Blum: Mit der rot-gelben Koalition und der SPD-Alleinregierung waren wir relativ zufrieden. Jetzt haben wir schon das Problem, dass viele grüne Vorstellungen zur Landwirtschaft nicht in unserem Sinne sind.
Die Hochwasserkatastrophe verteuert nach Einschätzung des Bauernverbands landwirtschaftliche Produkte. Wo müssen die Verbraucher am ehesten mit höheren Preisen rechnen?
Blum: Eindeutig bei Obst und Gemüse, speziell etwa bei Erdbeeren, Kartoffeln und Salat. Beim Getreide können wir weltweit mit einer guten Ernte rechnen. Da sind die Preise am Purzeln. Wenn man dem Mühlen- und Bäckerhandwerk Glauben schenken kann, müssten die Preise in diesem Bereich ja bald sinken.
Wie sieht es bei den Milchbauern aus?
Blum: Die Milchbauern sehen zumindest jetzt mal Licht am Horizont. Die Preise sind auf einem Niveau, wo auch Geld übrig bleibt. Und: Die Auszahlungspreise haben sich wegen der anhaltenden Nachfrage stabilisiert. Die Nachfrage aus dem Ausland boomt sogar. Allerdings sind die Energie- und Futtermittelpreise auch drastisch gestiegen.
Sie sind noch bis Ende nächsten Jahres als Bauernpräsident gewählt: Ist Ihre dritte Amtszeit auch die letzte?
Blum: Ja. Definitiv. Ich habe ja in meiner Amtszeit als Bauernpräsident von Rheinland-Nassau in der Satzung eine Altersbeschränkung eingeführt. Mit 65 Jahren kann man nicht mehr gewählt werden. Ich bin jetzt 66, und damit läuft meine Zeit aus.
Und selbstverständlich haben Sie auch schon einen Wunschnachfolger …
Blum: Ich habe einen Wunschnachfolger, will mich aber dazu noch nicht äußern. Bis zur Wahl sind es ja auch noch anderthalb Jahre.
Es liegt ja auf der Hand, dass es einer Ihrer beiden Stellvertreter werden dürfte …
Blum: Ein Vizepräsident ist ja ebenfalls zu alt.
Sie meinen den Westerwälder Heribert Metternich, der im nächsten Jahr 65 wird. Heißt also: Der neue Bauernpräsident kommt aus Üttfeld im Eifelkreis Bitburg-Prüm, heißt Michael Horper und ist 55.
Blum: In diese Richtung wird es sicherlich gehen, er hat sicherlich große Chancen. Aber mehr will ich dazu jetzt nicht sagen. seyExtra

... Leo Blum (TV-Foto: Klaus Kimmling). Der Ökonomierat und Landwirtschaftsmeister Leo Blum betreibt in Hillesheim im Landkreis Vulkaneifel einen Hof. Seit Anfang 2000 ist Blum Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau. Seine dritte und letzte Amtszeit endet in anderthalb Jahren. Zudem gehört der 66-jährige Leo Blum dem Präsidium des Deutschen Bauernverbands an. sey

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