EU will Weinsee austrocknen

MAINZ/BRÜSSEL. Mit einer radikalen Reform des Weinmarktes will die EU das Überangebot an Wein abbauen und die Wettbewerbsfähigkeit der Winzer verbessern. Der Weinbauverband kritisiert harsch die geplanten Vorgaben zur Weinherstellung. Auch das Mainzer Weinbauministerium fürchtet um die Qualität.

Ein milliardenschweres Rodungsprogramm, das Abschaffen von Beihilfen etwa für die Weindestillation und vereinfachte Vorschriften zur Weinbereitung, die auch den Einsatz von Zucker zur Alkoholanreicherung verbieten, sollen nach einem Vorschlag der EU-Kommission den Weinmarkt in den nächsten Jahren grundlegend ändern. Die am Donnerstag präsentierten Brüsseler Pläne sehen vor, innerhalb von fünf Jahren rund 400 000 Hektar (zwölf Prozent der EU-Anbaufläche) freiwillig zu roden. Als Anreiz sollen Prämien von insgesamt bis zu 2,4 Milliarden Euro fließen. Gelder, die bisher in die als überholt angesehene Marktstützung geflossen sind (Destillation, Lagerhaltung), würden den Wein erzeugenden Mitgliedsländern zur Förderung von Strukturmaßnahmen im ländlichen Raum zur Verfügung gestellt. Die EU plädiert zudem für eine einfachere Qualitätspolitik, die lediglich zwischen Weinen mit und ohne geografische Angaben unterscheidet und damit von der Trennung zwischen Tafel- und Qualitätswein abrückt. "Wir geben viel zu viel Geld aus, um Überschüsse loszuwerden, anstatt unsere Qualität und unsere Wettbewerbsfähigkeit auszubauen", sagte EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer-Boel. Nach ihrer Auffassung müssen auch die Vorschriften für die Weinerzeugung deutlich vereinfacht werden. Druck auf den Weinmarkt kommt nicht nur durch die zunehmende Überschussproduktion, die bis 2010 auf rund 15 Prozent der jährlichen Erzeugung von durchschnittlich 180 Millionen Hektolitern anwachsen wird. Auch stiegen in den letzten zehn Jahren die Einfuhren um jährlich zehn Prozent. Gleichzeitig geht der Weinverbrauch um rund 750 000 Hektoliter pro Jahr zurück, so dass 15 Prozent der EU-Produktion für teures Geld vom Markt genommen werden müssen. Harsche Kritik an den Brüsseler Plänen kommt vom Deutschen Weinbauverband. Statt fast die Hälfte der Mittel für die Weinwirtschaft in Rodungen zu stecken, sollte aus seiner Sicht mehr Geld in die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und eine Exportoffensive investiert werden. Total abgelehnt wird die Herstellung von Wein aus importierten Mosten und der bislang verbotene Verschnitt von Drittlandsweinen mit europäischen Erzeugnissen. Heftige Gegenwehr ist auch bei den geplanten Neuerungen für die Herstellungsverfahren angesagt. Einerseits schlage die Kommission vor, önologische Verfahren zu liberalisieren, anderseits wolle sie traditionelle Formen wie die Anreicherung mit Saccharose zur Anhebung des Alkoholgehaltes verbieten, moniert der Verband. Gleichzeitig werde jedoch der Zusatz von Holzspänen und nicht weineigenen Säuren zugelassen. Wenn die EU nicht bereit ist, diese Vorschläge zurückzunehmen, erwartet der Weinbauverband, dass die Bundesregierung die Reform insgesamt blockiert. Vorbehalte gegen das kostspielige Rodungsprogramm und ein Verbot der Zuckeranreicherung meldet auch der Mainzer Weinbauminister Hendrik Hering (SPD) an. Sollte nur noch mit nicht subventioniertem Traubenmostkonzentrat gearbeitet werden dürfen, drohen erhebliche Mehrbelastungen. Positiv sieht Hering neu eröffnete Fördermöglichkeiten, etwa für Steillagenregionen. Das Land will versuchen, über Bundesrat und Bundesregierung auf die EU-Reformpläne Einfluss zu nehmen. Die Kommission plant, Anfang 2007 eine ausgearbeitete Verordnung vorzulegen.

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