Fachkräftemangel in Rheinland-Pfalz: Geeignete Bewerber fehlen

Azubis gesucht! : Betriebe vermissen fähige Bewerber

Die Industrie- und Handelskammern (IHK) in Rheinland-Pfalz hat ein Internetportal ins Leben gerufen, um junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern. Zahlen zu den besetzten Ausbildungsplätzen in Betrieben zeigen: es ist höchste Eisenbahn.

Auf ihrem Blog hat Tina ein Foto eingestellt, bei dem sie einen großen Klecks Farbe im Gesicht trägt, einen Pinsel in der Hand hält und lacht. Auf der Internetseite www.durchstarter.de wirbt sie für ihre Ausbildung zur Mediengestalterin in Wittlich. Sie werkelt an Projekten für Fußballvereine, produziert Videos und schreibt über das Leben als Mediengestalterin.

Das Portal haben die Industrie- und Handelskammern (IHK) in Rheinland-Pfalz ins Leben gerufen, um junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern. Es ist auch höchste Eisenbahn. Der Fachkräftemangel im Land spitzt sich immer mehr zu, sagt Michael Böffel, der sich bei der Kammer in der Pfalz um Ausbildungsfragen kümmert. Er stellte am Dienstag in Mainz die Antworten von 553 befragten rheinland-pfälzischen Unternehmen vor, wie es um den Azubi-Nachwuchs steht.

Die Zahlen lesen sich alarmierend. 30,6 Prozent aller Betriebe konnten im vergangenen Jahr nicht sämtliche Ausbildungsplätze besetzen. Die Zahl der offenen Azubi-Stellen habe sich seit 2010 auf rund 2600 verdreifacht. Die Kammern rechnen damit, dass der Zuwachs auch in diesem Jahr weiter anhält. Geht es um den künftigen Fachkräftemangel, hängt dieser wie ein Damoklesschwert über der Wirtschaft im Land. 58 Prozent der befragten Unternehmen sehen sich danach schon heute stark vom Problem des fehlenden Nachwuchses betroffen. Mehr als 80 Prozent der Betriebe rechnen damit, dass sie der Fachkräftemangel bis zum Jahr 2030 ebenfalls bedroht. Die Folge sei bereits heute, dass viele Unternehmen Aufträge ablehnten oder Mitarbeiter Überstunden schieben, sagt Böffel.

Die große Überraschung: An fehlenden Bewerbern hängt die Misere nicht, zeigt die Umfrage. Viele Unternehmer beklagen massive Defizite bei jungen Erwachsenen, die die Schule verlassen. Mehr als 73 Prozent der befragten Betriebe geben an, keine geeigneten Bewerbungen vorliegen zu haben. 64,4 Prozent gaben dabei fehlende Leistungsbereitschaft und Motivation an, 60,30 Prozent schwaches mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen, 53 Prozent mangelnde Disziplin. Böffel sagt, manche Betriebe in Rheinland-Pfalz schraubten Anforderungen zurück, schauten gar nicht mehr auf die Zeugnisse. Schwächen merzen sie dabei oft aus der eigenen Brieftasche aus: Rund 35 Prozent der Unternehmen bieten Nachhilfe auf eigene Kosten an, zeigt die Umfrage der Kammern.

Den Schulen im Land schieben die Kammern dabei nicht den Schwarzen Peter zu. „Es ist eine Frage, wie stark das Elternhaus das eigene Kind unterstützt. Schulen können den Unterricht mit 25 Kindern nicht am Schwächsten orientieren, weiß Böffel. In Ballungsgebieten mit abgehängten Jugendlichen habe es sich aber als hilfreich erwiesen, Sozialpädagogen in Klassen einzusetzen, die leistungsschwache Schüler begleiten. Lehrergewerkschaften im Land, die solche multiprofessionellen Teams in Schulen fordern, dürften bei diesen Worten aufhorchen.

Mehr tun müsse das Land wiederum, um Berufsschulen digital aufzurüsten und den Unterricht so auszurichten, dass Schüler mehr IT-Kompetenzen erlernen. Diesen messen 76,6 Prozent aller Unternehmen künftig eine größere Bedeutung bei. Sie fordern vor allem, Lehrer besser zu schulen. Die jungen Durchstarter-Blogger machen es vor: Via Instagram erreichen sie bis zu 200 000 Nutzer in Rheinland-Pfalz mit ihrer Ausbildung. „Die Berufsausbildung ist die beste Medizin für den Fachkräftemangel“, sagt Jan Glockauer, Hauptgeschäftsführer der IHK Trier, die den Fachkräftemangel in der Region ebenfalls spürt. 85 Unternehmen antworteten da auf die Umfrage: 34 Prozent gaben an, ihre Stellen nicht voll besetzen zu können. 70 Prozent lagen keine geeigneten Bewerbungen vor.

Hier finden Unternehmen Bewerber: Bei der gemeinsamen Ausbildungsmesse von TV, IHK, HWK und Arbeitsagentur, „Dein Tag, Deine Chance – Ausbildung jetzt!“, am Freitag, 25. Oktober, stellen sich im Tagungszentrum der IHK Trier 60 regionale Ausbildungsbetriebe vor.

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