Fahrt zum nächsten Kreißsaal wird immer länger

Fahrt zum nächsten Kreißsaal wird immer länger

Saarburg, Gerolstein, Hermeskeil: Die Geburtsstationen dort sind oder werden geschlossen. Möglicherweise stehen aber weitere auf der Kippe. Denn erst ab mindestens 400 Geburten sind solche Abteilungen rentabel.

3987 Kinder kamen im Jahr 2011 in der Region auf die Welt. Fast 1000 weniger als noch im Jahr 2000. Es werden immer weniger Kinder geboren - und damit werden auch immer weniger Geburtshilfestationen in den Krankenhäusern benötigt. Sie sind zu teuer. Denn unabhängig von der Zahl der Geburten müssen Gerätschaften und Personal vorgehalten werden. Und wenn die Zahl der Geburten zurückgeht, dann werden die Abteilungen unrentabel. Ab 400 bis 500 Geburten im Jahr gelten entsprechende Stationen als wirtschaftlich tragbar. Doch vor allem kleinere Kliniken in ländlichen Regionen erreichten nur selten diese Zahl, sagt Walter Bockemühl. Er ist Chef der Krankenkasse AOK Rheinland-Pfalz. Seiner Meinung nach leidet die gesundheitliche Versorgung der werdenden Mütter nicht, wenn sie weiter fahren müssen - bis zur nächsten Geburtsstation.Bessere Versorgung

Eine Geburt sei schließlich keine Krankheit. Außerdem sei die Qualität in größeren Kliniken oft besser. Denn je mehr Geburten, desto erfahrener seien Ärzte, Pfleger und Hebammen. Und vor allem sei in größeren Kliniken mit eigenen Kinderstationen die Versorgung von Neugeborenen vor allem nach Risikoschwangerschaften besser.
Aber nicht nur auf dem Land könnten weitere Geburtsstationen dichtmachen. Auch in Städten sollte die Anzahl kritisch hinterfragt werden, sagt Martin Schneider, Chef des Landesverbandes der Ersatzkassen. Als Beispiel nennt er Koblenz, wo es im Umkreis von 20 Kilometern sieben Krankenhäuser mit Geburtshilfe gebe. Ein Bedarf dafür bestehe aus seiner Sicht nicht, sagt Schneider.

In Trier gibt es drei Krankenhäuser mit Geburtsabteilungen: das Mutterhaus, das Elisabeth-Krankenhaus und das Marien-Krankenhaus im Stadtteil Ehrang. Bereits im vergangenen Jahr stand die Abteilung im Elisabeth-Krankenhaus, wo bis zu 500 Kinder pro Jahr auf die Welt kommen, auf der Kippe. Die Geburtshilfe sollte von dort in die bestehende Abteilung nach Ehrang verlagert werden. Hintergrund: Elisabeth- und Marien-Krankenhaus sind zum ökumenischen Verbundkrankenhaus fusioniert und bilden ein Klinikum.

"Man muss abwägen zwischen dem Wunsch nach einer wohnortnahen, qualitativ guten Versorgung in der Geburtshilfe und der anhaltenden Entwicklung eines Geburtenrückgangs - in Rheinland-Pfalz allein 18 Prozent seit 2000 - einerseits und einer Zunahme von Risikoschwangerschaften, die eine Entbindung in spezialisierten Zentren erfordern, andererseits", sagt Ersatzkassen-Verbandschef Schneider. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Risikoschwangerschaften hält er spezielle Geburtszentren für "unbedingt notwendig".Zu wenige Geburten

Eine zu große Anzahl von Geburtshilfen führe dazu, dass die Stationen oft nicht so ausgelastet seien, dass sie wirtschaftlich und mit der entsprechenden Qualität geführt werden könnten, sagt Schneider. Legt man Zahlen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung zugrunde, nach denen Geburtsstationen mit weniger als 400 Geburten im Jahr unrentabel sind, könnten noch weitere Stationen in der Region von Schließungen betroffen sein. In Prüm kommen pro Jahr rund 300 Kinder auf die Welt. Im gesamten Vulkaneifelkreis mit den Krankenhäusern in Daun und Gerolstein wurden im vorigen Jahr weniger als 400 Kinder geboren, 157 davon in Gerolstein. Dort macht der Kreißsaal am kommenden Montag dicht.Extra

225Betten für Gynäkologie und Geburtshilfe gibt es derzeit in den Krankenhäusern der Region. Rund 1800 sind es landesweit in den Kliniken. Allein in den drei Trierer Krankenhäusern mit Geburtsstationen (Mutterhaus, Elisabeth- und Marien-Krankenhaus) gibt es 110 Betten für Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Zahl der Geburten ist auch in der Region Trier deutlich zurückgegangen. Kamen im Jahr 2000 noch 4866 Kinder auf die Welt, waren es 2011 noch 3987 - Tendenz weiter fallend. Laut dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung kann aufgrund der rückläufigen Geburtenzahlen bundesweit jede vierte Geburtsstation geschlossen werden. wie

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