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Fall Tanja: Was der Dummy den Ermittlern verriet

Fall Tanja: Was der Dummy den Ermittlern verriet

Im Fall der vor acht Jahren ums Leben gekommenen Trierer Studentin Tanja Gräff gibt es nun etwas mehr Klarheit. Klar ist aber auch: Dass jemals alle noch offenen Fragen beantwortet werden können, ist unwahrscheinlich.

Als die Pressekonferenz im Trierer Rathaus am Donnerstagmittag nach eineinhalb Stunden beendet ist, stürzen sich die zuvor in einem viel zu kleinen Raum versammelten Journalisten auf den Rechtsanwalt der Familie Gräff, Detlef Böhm. Sie wollen von dem Trierer Juristen wissen, wie er das soeben vom Mainzer Rechtsmediziner Professor Reinhard Urban vorgestellte Gutachten bewertet. In Urbans Vortrag war zwar Dutzende Male das Wort "wahrscheinlich" zu hören. Aber im Prinzip ließ der renommierte Mainzer Institutsleiter keinen Zweifel daran, dass er im Fall Tanja Gräff eher von einem Unglück als von einem Gewaltverbrechen ausgeht.

In alle Richtungen alles offen

Es habe sich gezeigt, dass "in alle Richtungen alles offen" sei, fasst Gräff-Anwalt Böhm das Gehörte zusammen, und er klingt damit ein bisschen so wie der stets übervorsichtige Trierer Chef-Staatsanwalt Peter Fritzen, der sich auch nicht festlegen will und auf Nachfrage bestätigt: Ja, es werde im Fall Tanja Gräff weiter wegen eines Tötungsdelikts ermittelt.
Was aber hätte Fritzen auch anderes sagen sollen? Der Fall der vor acht Jahren auf rätselhafte Weise ums Leben gekommenen Trierer Studentin Tanja Gräff ist eben immer noch nicht geklärt, auch wenn die Ermittler nach jahrelangem Tappen im Dunkeln inzwischen ein Mosaiksteinchen nach dem nächsten in die Hand bekommen. Seit Forstarbeiter Mitte Mai bei Rodungsarbeiten durch Zufall in dem schwer- bis unzugänglichen Gelände auf das nahezu vollständige Skelett von Tanja Gräff gestoßen sind, haben die Kripobeamten der neu einberufenen Sonderkommission endlich einen konkreten Ansatzpunkt statt nur Indizien und Hinweise.

Es ist für Laien erstaunlich, was der Mainzer Rechtsmediziner Reinhard Urban acht Jahre nach dem mysteriösen Geschehen herausgefunden hat, auch wenn eben viele seiner Erkenntnisse und Schlussfolgerungen noch mit der Einschränkung "wahrscheinlich" versehen sind. Danach spricht inzwischen einiges dafür, dass Tanja Gräff an jenem frühen Junimorgen 2007 noch am Leben war, als sie an den roten Felsen in die Tiefe stürzte. Weder an den Knochen noch an den gefundenen Kleidungsstücken fanden sich laut Urban Spuren, die auf ein Gewaltverbrechen schließen lassen.

Weil die Ermittler einen geschlossenen Gürtel und einen zugezogenen Reißverschluss fanden, gilt auch eine Vergewaltigung Tanjas als äußerst unwahrscheinlich. Vermutlich stürzte die 21-jährige Studentin an jenem Morgen 30 Meter in die Tiefe, schlug mehrmals an Felsvorsprüngen an, bis der Körper - 15 Meter über dem Boden - in einer Astgabel hängen blieb. Die Wirbelsäule war laut Professor Urban durchtrennt, Teile der Halswirbelsäule gebrochen. Potenziell tödliche Verletzungen.

Die Verletzungen sprechen nach Ansicht des Mainzer Rechtsmediziners dafür, dass Tanja Gräff mit dem Gesäß oder den Beinen aufschlug. Damit wäre auch zu erklären, dass sich am Schädel keine Verletzungsspuren fanden. Wochen oder Monate später, so die Vermutung Urbans, könnte Tanjas Leichnam dann aus der Astgabel zu Boden gefallen sein.
Als Ermittler und Experten von Bundes- und Landeskriminalamt vor einigen Wochen das Geschehen mit lebensgroßen Puppen nachstellten, blieb der 50 Kilogramm schwere Dummy gleich beim ersten Versuch in der Astgabel hängen und fiel erst zu Boden, nachdem ein Ermittler sich abgeseilt und ihn angestupst hatte. Am Boden blieb der Dummy exakt an der Stelle liegen, wo ein paar Wochen zuvor die sterblichen Überreste Tanja Gräffs gefunden worden waren.

Polizeichef lobt seine Leute

Triers Polizeipräsident Lothar Schömann ist an diesem Donnerstag darum bemüht, seine in den vergangenen Wochen immer mal wieder in die Kritik geratenen Leute (siehe Artikel unten) in Schutz zu nehmen. Das Gutachten habe nichts zutage gefördert, was auf polizeiliche Versäumnisse hindeute, formuliert Schömann etwas umständlich. Eine gute Stunde davor hat der Polizeipräsident sich klarer ausgedrückt, als er das für Mord und Totschlag zuständige Kommissariat dafür lobte, seit 2010 insgesamt 47 vorsätzliche Tötungsdelikte bearbeitet und aufgeklärt zu haben. Während bei dem Urban-Gutachten eine gewisse Unsicherheit bleibt, spricht die Auswertung des von der Uni Trier gemachten Schall-Experiments eine klare Sprache. Bei dem Experiment wurde überprüft, ob ein von einem Zeugen in der Nacht von Tanjas Verschwinden am Moselufer gehörter Schrei von den roten Felsen gekommen sein könnte. "Das ist auf keinen Fall möglich", fasst Staatsanwalt Eric Samel das Ergebnis kurz und knapp zusammen.
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