Flächenhunger frisst sich ins Land

Flächenhunger frisst sich ins Land

MAINZ. Zugebaut und versiegelt: Tag für Tag wachsen in Rheinland-Pfalz die Siedlungs- und Verkehrsflächen um durchschnittlich acht Hektar. Alle zwei Stunden verschwindet ein Stück Natur von der Größe eines Fußballfeldes – trotz sinkender Einwohnerzahlen. Nicht nur Naturschützer fordern ein Umsteuern.

Fast verdoppelt hat sich in den vergangenen 40 Jahren die Siedlungsfläche in den westdeutschen Ländern. In Rheinland-Pfalz hat sie 2005 mit 277 000 von insgesamt 1,98 Millionen Hektar Landesfläche einen neuen Höchststand erreicht. Von "Wahnwitz" angesichts anhaltenden Hungers nach Bauland und Gewerbegebieten bei rückläufigen Bevölkerungszahlen spricht der Bund Umwelt und Naturschutz BUND. Jedes Mal gehe ein Stück Heimat verloren. Professor Dirk Löhr vom Zentrum für Bodenschutz und Flächenhaushaltspolitik am Umwelt-Campus Birkenfeld der Fachhochschule Trier fordert eine ehrliche Folgekostenabschätzung der Zersiedelung. Viel schneller als ökologisches Bewusstsein könne ökonomisches Rechnen ein Umsteuern bewirken, denkt er.Oft unterschätzt: die Folgekosten

Inzwischen sind jedoch 14 Prozent der Landesfläche von Siedlung und Verkehr in Beschlag genommen. Damit liegt Rheinland-Pfalz über dem Bundesdurchschnitt (13 Prozent). Zwar liegen die ländlich geprägten Kreise in der Region Trier mit bebauten und als Verkehrswege genutzten Anteilen an der Gesamtfläche von 9,3 Prozent in Bitburg-Prüm bis 11,9 Prozent in Trier-Saarburg unter dem landesweiten Durchschnitt. Gleichwohl haben gerade in diesen beiden Landkreisen die Siedlungs- und Verkehrsflächen seit 1978 um mehr als 50 Prozent zugenommen. In der Stadt Trier dient fast jeder dritte Hektar den Bereichen Siedlung und Verkehr. Bereits vor Jahren forderte die nationale Nachhaltigkeitsstrategie, den bundesweiten Flächenverbrauch von täglich 100 Hektar bis 2020 auf ein Drittel zu reduzieren. Dennoch geht die wachsende Versiegelung, wenn auch mit etwas gebremstem Tempo, weiter. Gerade bei der Ausweisung von Bauland und Gewerbegebieten unterschätzten die Kommunen oft, "was sie sich mit den Folgekosten antun", sagt Löhr und verweist auf die dann notwendige Vorhaltung von Infrastruktur. Zudem werden nach seinen Angaben die finanziellen Folgen für die Bürger nicht ehrlich aufgerechnet, wenn etwa angesichts des Bevölkerungsrückgangs durch Ausweisung von Baugebieten der bereits existierende Häuserbestand deutlich an Wert verliere. Statt auf systematische Innenentwicklung zu setzen oder gezielte Rückbaustrategien zu entwickeln, reagieren nach Löhrs Erfahrung Kommunen noch zu oft auf den drohenden demografischen Knick mit Wachstumsplänen, notfalls auf Kosten der Nachbargemeinden. Mit "Billigland" würden dann Bauwillige und Gewerbe gelockt. In der Flächenhaushaltspolitik seien Baden-Württemberg und Bayern weiter als Rheinland-Pfalz, sagt Löhr mit kritischem Unterton. Er plädiert für eine Stärkung der Planungen auf regionaler Ebene und mehr Kooperation der Gemeinden. Gewerbegebiete sollten gemeinsam vermarktet werden. Bei geplanten Baulandausweisungen hält er angemessene Folgekostenabschätzungen für zwingend. In einem Brief an Innenminister Karl Peter Bruch hat der BUND gemahnt, das geplante Housing-Programm für die US-Streitkräfte in Ramstein und Spangdahlem zu einem Beispiel für nachhaltige Flächennutzung zu machen. In einem ersten Schritt sollen nach den Grundlinien des Programms 700 Wohneinheiten, bis 2013 sogar 2500 Häuser entstehen. Keinen "unheilvollen Konkurrenzkampf" der Kommunen um neue Einwohner mit großer Flächenversiegelung, fordern die Naturschützer. Stattdessen sollten Leerstände und innerörtliche Brachflächen genutzt werden.