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Frieren für die 38,5-Stunden-Woche

Frieren für die 38,5-Stunden-Woche

Stuttgart. (dpa) In den Arbeitskämpfen im öffentlichen Dienst in den Jahren 1974 und 1992 ging es um höhere Löhne und Gehälter. Jetzt wehren sich die Staatsdiener gegen längere Arbeitszeiten. Mit ihrem ersten großen Arbeitskampf seit ihrer Gründung im Jahr 2001 will die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die von den Kommunen geplante Verlängerung der Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 40 Stunden verhindern.

Thomas Wink bohrt mit klammen Fingern vor dem Stuttgarter Olgahospital eine große Fackel in den Boden. Mit der Flamme will der 47-jährige Krankenpfleger an diesem kalten Morgen ein Zeichen setzen gegen die 40-Stunden-Woche. Ihm geht es nicht um die von den Arbeitgebern geforderten 18 Minuten längere Arbeitszeit pro Tag, betont er. "Das ist eine Verharmlosung von Arbeitgeberseite, die wollen nichts anderes, als Stellen abbauen." Bei 1,5 Stunden mehr Arbeit für die 1500 Mitarbeiter des Kinderkrankenhauses wären 37 Stellen bedroht. Seine Kollegin Brigitte Schuhmacher, Kinderkrankenschwester auf der Krebsstation, fürchtet das Aus für individuelle Pflege. "Und Gespräche sind doch gerade für unsere kleinen Patienten und ihre Eltern so wichtig", sagt die Frau in der weißen Verdi-Streikweste und nippt an ihrem heißen Tee. Für den gesamten Südwesten hat die Gewerkschaft Verdi errechnet, dass im Fall von 1,5 Stunden längerer Wochenarbeitszeit 6000 Stellen gestrichen werden könnten. Sie hat sich auf einen vier bis sechs Wochen langen Arbeitskampf eingestellt. Viele Gewerkschafter betrachten den Streik für den Erhalt der 38,5-Stunden-Woche auch als Abwehrkampf gegen weitere Einschnitte. Wink: "Die 40-Stunden-Woche ist doch nur der Anfang, um danach die Diskussion um Weihnachts- und Urlaubsgeld neu zu entfachen. Wir müssen jetzt ein Zeichen setzen, dass eine Grenze erreicht ist, was wir mit uns machen lassen." "Mehrere 100 Euro weniger im Monat"

Am Montag sind mehr als 10 000 Menschen auf die Straße gegangen. "Der Unmut ist wirklich enorm groß", sagt Verdi-Funktionär Werner Vorderwülbecke. Er weist darauf hin, dass die Angestellten die Arbeitszeitverkürzung von 40 auf 38,5 Stunden Ende der 80er-Jahre schon mit niedrigen Lohnabschlüssen bezahlt hätten. Hinzu kommen noch Kürzungen bei Zulagen. Kanalreiniger Ulrich Heiland kann davon ein Lied singen: "Mich haben sie schon vorher abgezogen, die Gefahren- und die Schmutzzulage sind weg, ich habe schon jetzt 150 Euro weniger in der Tasche als vor zehn Jahren." Auch für Krankenschwestern brachte der neue Tarifvertrag Öffentlicher Dienst (TVÖD) Einbußen. Personalrat Jürgen Lux, der als Streikposten vor dem Stuttgarter Katharinenhospital bibbert, weiß: "Der TVÖD bedeutet für viele Kolleginnen mehrere hundert Euro weniger pro Monat, weil sie bei Nacht- und Schichtzulagen schlechter gestellt wurden." Trotzdem sei die Kampfbereitschaft nicht so ausgeprägt wie beim großen Streik im gesamten öffentlichen Dienst vor 14 Jahren, sagt Lux. "Es kostet dieses Mal mehr Überzeugungsarbeit." Vorderwül-becke pflichtet bei: "Die Menschen haben Angst vor Arbeitsplatzverlust." Genau aus diesem Grund legt Müllmann Markus Schleicher seine Arbeit nieder und kümmert sich nicht um überquellende Mülltonnen und dreckige Gehwege in der sonst so properen Landeshauptstadt. "Ich streike, weil ich Angst habe, meinen Job zu verlieren." Käme die 40-Stunden-Woche, gingen nach Verdi-Angaben 27 Arbeitsplätze bei der Müllabfuhr in Stuttgart verloren. Die Gewerkschaft hofft auf das Verständnis der Bürger, vor allem der Patienten. "Wir streiken ja nicht gegen die Patienten; die wollen doch auch ausgeglichene und zufriedene Pflegekräfte", meint Lux. Ein einsamer Patient, der wegen einer Halsoperation mit seinem Köfferchen der verwaisten Krankenaufnahme zustrebt, hält überhaupt nichts von dem Ausstand. "Ich schaff' 50 Stunden die Woche - und die streiken wegen 18 Minuten länger pro Tag", sagt der Mann kopfschüttelnd. Er ist überzeugt: "Die Entwicklung lässt sich einfach nicht aufhalten."