Gastbeitrag: Der Preis der Lehre

In wenigen Wochen wird die Universität Trier traditionsgemäß das neue akademische Jahr eröffnen und zum dritten Mal Lehrpreise in allen Fachbereichen vergeben. Von Tradition dürfte in diesem Zusammenhang also eigentlich nicht gesprochen werden. Aber die noch junge Auszeichnung wird von der Universitätsgemeinschaft sehr begrüßt, weil sie ein positives Licht auf eine Kernaufgabe der Universität wirft. Das erläutert Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier, in einem Gastbeitrag für den Trierischen Volksfreund.

 Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier. TV-Foto: Archiv

Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier. TV-Foto: Archiv

Für Außenstehende mag es überraschend sein, dass ein solches Signal erst so spät gekommen ist. Lehre und Forschung sind über lange Zeit ungleich bewertet worden. Wer sich für eine Professur bewarb, der musste zwar immer seine didaktischen und fachlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen, am Ende waren es aber seltener positive Ergebnisse aus diesem Feld, die den Ausschlag gaben, sondern die Forschungsprojekte und Publikationen. Der "Preis" der Lehre wurde also nicht angemessen eingerechnet.

Über die Lehre ist seit der sogenannten Bologna-Reform (Bachelor und Master) selten Gutes zu hören gewesen. Verschulung habe stattgefunden. Die Zahl der Prüfungen sei zu hoch. Manches davon ist nicht falsch, aber Bologna fiel nun einmal zusammen mit einem deutlichen Anstieg der Studierendenzahlen. Das Leistungsniveau der Studienanfänger sank dabei. Die Zahl derer, die keine wissenschaftliche Karriere anstreben, nahm parallel dazu deutlich zu. Daher muss im Rahmen der Reform auch eine Antwort auf neue Zielgruppen und Ansprüche gefunden werden.

Manche sagen, dass dies mit dem klassischen Gedanken der "universitas" nichts mehr zu tun habe. Allein dies erklärt einen guten Teil des allgemeinen Unbehagens. Aber wer nur diese Seite des Wandels registriert, erkennt nicht, wie viele Anstrengungen die Hochschulen in eine Verbesserung des Studiums stecken. Gerade sind etwa für Rheinland-Pfalz zahlreiche Praxisbeispiele dokumentiert worden. Die Universität ist also mehr als eine bessere Berufsschule - ein ohnehin seltsamer Vergleich auf Kosten Dritter. Lehre hat eben ihren Preis und besonderen Wert.

Die Reform hat zuletzt einen starken Impuls in Richtung "Welche Studiengänge sollen/wollen wir anbieten?" ausgelöst. Manche der neuen Namen für diese Studiengänge sind sehr speziell und gelegentlich Gegenstand ironischer Kommentare. Aktuell zählt man über 18.000 Studiengänge im deutschen Hochschulwesen - eine sehr hohe Zahl. Zum Teil eine Überreaktion auf die allenthalben geforderte Differenzierung und Spezialisierung. Die Umsetzung von akademischen Vorlieben mag dabei auch eine Rolle gespielt haben.

Anmerkung zur Steuerung

Wenn die Studierenden in diesem Prozess durch ihre Studienwahl die Steuerung übernehmen sollen, erinnert dies ein wenig an ein Bonmot der Organisationsforschung: "Die Tatsache, dass man soziale Systeme nicht zuverlässig steuern kann, heißt nicht, dass man sie nicht steuern kann." Wer die Verantwortung für die Inhalte trägt, sollte klar sein.

Der BA-Abschluss kämpft in vielen Berufsfeldern noch um Anerkennung. Daran ändern die Präferenzen der Studierenden zunächst einmal gar nichts. Der Arbeitsmarkt hat über seine Tauglichkeit noch nicht entschieden. Während die Masterstudiengänge immer enger zugeschnitten werden, ruft die Wirtschaft vermehrt nach Anwendungs- und Praxisorientierung und schließt sich häufig der diffusen Formel "Akademisierungswahn" an. Beide Seiten, Hochschullehre und Praxis, finden offenbar nur schwer zueinander. Solange im Hochschulbereich die Zahl der neuen Studienanfänger eine maßgebliche Finanzierungsquelle bleibt, wird es keine nachhaltige Lösung dieses Nachwuchswettbewerbs geben.

Die Universität legt Wert auf ihre Autonomie, ist zugleich aber eine offene Einrichtung, die mit vielerlei Einflussnahmen umgehen muss. Die Praxis sitzt dabei immer häufiger auch mit am Tisch, etwa im Rahmen der Bewertung oder Neueinrichtung von Studiengängen. Das Lamento reißt trotz dieses Wandels und der vielen Begutachtungen nicht ab. Für Wertschätzung ist auf allen Seiten noch viel Platz. Lehrpreise sind in diesem Umfeld ein wichtiges und transparentes Signal.

Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier.

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