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Landwirtschaft: „Geht das so weiter, kommen wir Bauern auf die Rote Liste“

Landwirtschaft : „Geht das so weiter, kommen wir Bauern auf die Rote Liste“

Es ist ein leises, aber stetiges Sterben, das die Landwirtschaft erlebt. 1960 gab es in Rheinland-Pfalz noch fast 170 000 Bauern, heute sind es knapp 17 000.

Der Strukturwandel gehört seit jeher zur Landwirtschaft und wird auch durch die höhere Produktivität in der Branche angetrieben. Doch seit 2010 hat es die Bauern in Rheinland-Pfalz besonders stark getroffen. In keinem anderen Bundesland haben so viele Landwirte ihren Beruf aufgegeben wie im Rüben- und Rebenland Rheinland-Pfalz (-18,6 Prozent, -3800 Höfe/siehe Grafik). In den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der Rinder um elf Prozent, die der Schweine um 44 Prozent abgenommen. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche ist dennoch nahezu identisch geblieben und liegt knapp über 700 000 Hektar. Durch den Rückgang der Höfe hat sich die durchschnittliche bewirtschaftete Fläche je Betrieb von 34 auf 42 Hektar erhöht. Dennoch liegt sie damit immer noch deutlich unter der bundesdeutschen Betriebsgröße (2018: 62 Hektar), wie das Statistische Landesamt Bad Ems ermittelt hat. 

Für den Präsidenten des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Michael Horper, wird sich der Trend weiter fortsetzen, wie er dem TV im Redaktionsgespräch erklärt. „Es wird weiterhin die Entwicklung zu größeren Betrieben geben — und für einige auch zu Nischen hin.“ Diese Entwicklung wird auch von Umweltverbänden und -schützern sehr kritisch gesehen. Sie fordern deshalb ein Umsteuern bei den EU-Agrarsubventionen. Fast 60 Milliarden Euro Fördergelder pro Jahr kämen hauptsächlich industriellen Großbetrieben zugute, kritisieren die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung und die Naturschutz-Organisation BUND in einem „Agrar-Atlas“. Das sind je EU-Bürger 114 Euro im Jahr, mit denen die landwirtschaftlichen Betriebe gefördert werden. Die Kritik: Die pauschale Flächenprämie  führe dazu, „dass ein Prozent der Betriebe 20 Prozent der Gelder bekommt“, sagt Christine Chemnitz, Agrarexpertin der Heinrich-Böll-Stiftung: „Pauschale Flächenprämien sind ungerecht und unökologisch.“

Die Umverteilung zu den kleineren Betrieben hin ist auch für Bauernpräsident Michael Horper wichtig: „Wir machen uns stark für eine Förderung vom ersten Hektar an. Doch ab 100 Hektar sollte dann die EU-Förderung immer mehr abschmelzen.“ BUND und Heinrich-Böll-Stiftung gehen noch weiter: „Ab 60 000 Euro pro Betrieb soll die Förderung gekürzt, bei 100 000 Euro soll sie vollständig gekappt werden.“ Doch die EU-Förderkulisse sei allenfalls nur ein Grund von vielen,  warum Landwirte aufgäben, sagt Horper. Nach seiner Ansicht sind die Anforderungen an die Bauern heute sehr hoch: „Er soll Tierwirt, Acker­bauer, Manager, Computerfachmann und PR-Experte sein.“ 

Vor diesen Aufgaben scheint mancher zu kapitulieren. „Wenn die Kinder in anderen Branchen mehr verdienen, haben sie keine Lust, den Hof zu übernehmen.“ Dazu gehöre auch der gesellschaftliche Druck: Mehr Platz für Tiere, weniger Gift auf dem Acker, Einsparen von Klimagasen (siehe auch Bericht rechts) – die Gesellschaft stelle immer höhere Ansprüche an die Landwirte. Horper: „Und niemand hat Lust, ständig als Tierquäler und Umweltverschmutzer hingestellt zu werden.“

Viele Bauern kapitulierten aber auch vor den zunehmenden Bürokratisierung. „Wir unterstützen unsere Landwirte wo es geht –  etwa bei der neuen Düngeverordnung“, so der Bauernpräsident. Doch der Druck in Sachen Umweltschutz sei groß, für den ein oder anderen zu groß. Zu den hohen Standards komme dann auch noch der Konkurrenzdruck. „Wir haben die höchsten Sozial- und Umweltstandards und müssen diese bezahlen. Aber die Konkurrenz kommt aus der ganzen Welt, wo diese Standards keinen interessieren.“ Die Wettbewerbsverzerrung schlage sich dann beim Preis und an der Einkaufstheke durch.  „Was nützt es uns, wenn am Ende dann alle möglichen Insekten da sind, aber es hier keine Landwirte mehr gibt? Kommen wir dann auf die Rote Liste?“, fragt Horper. Schon jetzt werde es immer schwieriger, eine regionale Produktion aufrechtzuerhalten. „Weniger Betriebe, weniger Vieh – und es gibt in einigen Regionen kaum noch Tierärzte oder Schlachthöfe“, resümiert der ­Üttfelder Landwirt.

Wo also geht die Reise für die heimische Landwirtschaft hin? Schon jetzt sei abzusehen, dass die Betriebe immer größer werden, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Josef Derstappen. Zudem kämen ausländische Investoren und kauften in der Eifel Höfe und Land auf. „Wir werden demnächst einige Betriebe mit 500 Milchkühen hier haben“, prognostiziert  Horper. Für ihn selbst und andere Landwirte seien Maschinengemeinschaften ein Weg, den Kostendruck zu verteilen und zu minimieren. „Mit der Gülleverordnung muss ein neues Fass her, das kostet schnell mal 100 000  bis 150 000 Euro.“  Bei größeren Geräten geht das ins Vielfache. „Wer da mit 55 oder 58 Jahren vor der Frage steht, sich viel Geld zu leihen, überlegt sich das gut.“ 

Ohne politische Hilfe sieht der Bauernpräsident schwere Zeiten auf die heimischen Landwirte zukommen. „Wir brauchen langfristige verlässliche Rahmenbedingungen, um planen und investieren zu können. Wir brauchen aber auch, wie jetzt bei den Tierseuchen, die finanzielle Hilfe des Staates.“  Es könne nicht sein, dass Handel, Lebensmittelindustrie und Politik alle Probleme auf die Landwirte abwälzten und diese damit alleine ließen. Die Hoffnung und den Optimismus lässt sich Horper dennoch nicht nehmen: „Bauer sein ist für mich und viele andere immer noch der schönste Beruf, den es gibt“, sagt Michael Horper.