Geisterfahrer: Der Horror auf der Autobahn

Geisterfahrer: Der Horror auf der Autobahn

Schilder sollen Geisterfahrten auf Autobahnen verhindern, in Bayern läuft dazu ein Pilotprojekt. Doch kann es wirksamen Schutz überhaupt geben, wenn der Fahrer mit Absicht in die falsche Richtung rast?

"Achtung Autofahrer, auf der Autobahn kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen. Überholen Sie nicht, fahren Sie langsam. Wir informieren Sie, wenn die Gefahr vorüber ist." Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine solche Verkehrsmeldung im Rundfunk zu hören ist. Für viele Autofahrer ist es eine Horrorvorstellung: Während man mit hohem Tempo unterwegs ist, meldet das Radio einen Geisterfahrer. Auch bei der zuständigen Polizeidienststelle herrscht in diesem Moment Alarmstimmung.
Polizei in Alarmbereitschaft
Werde ein Falschfahrer gemeldet, in der Regel per Notruf von anderen Autofahrern, sei die Gefahrenabwehr das vorrangige Ziel, erklärt Karl-Peter Jochem, Sprecher des Trierer Polizeipräsidiums. Es erfolge eine sofortige Meldung an den Verkehrswarnfunk. Zeitgleich würden alle Einsatzkräfte der zuständigen Dienststelle, der Autobahnpolizei und nahegelegener Polizeistationen entsandt. Sie sollten zum einen die Auffahrten auf die Autobahn sperren und Autofahrer auf der Autobahn warnen, erklärt der Polizeisprecher. Zum anderen würden Einsatzfahrzeuge in korrekter Fahrbahnrichtung auf die Autobahn geschickt, um zu versuchen, den Falschfahrer zu finden und - auf gleicher Höhe - zu warnen und zum Anhalten zu bringen.
Wird ein Falschfahrer ermittelt, dann droht ihm laut Jochem, ein Strafverfahren wegen Gefährdung des Straßenverkehrs, wenn eine konkrete Gefährdung vorgelegen hat. Zumeist jedoch sei die Ermittlung und Identifizierung der Falschfahrer sehr schwierig, weil oft keine konkreten Angaben bekannt seien. Oder: "Weil die Falschfahrer ihren Fehler sehr schnell erkennen und die Autobahn wieder verlassen oder wenden und dann in die richtige Richtung weiterfahren."
Kommt es zu einem Unfall, so steht die Ursachenforschung im Mittelpunkt. Dabei stünden unter anderem die Straßenverhältnisse, die Beschilderung aber auch die Person des Falschfahrers im Fokus der Ermittlungen, sagt Jochem. Habe aber Selbstmordabsicht hinter einer Geisterfahrt gesteckt, könnten die Ermittlungen auch erfolglos enden."Geisterfahrten beschränken sich überwiegend auf Autobahnen und sind relativ selten, aber spektakulär", sagt der Trierer Verkehrspsychologe Richard Tank.
Allerdings sei die Häufigkeit von Geisterfahrerunfällen in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern schon auffällig, meint Andreas Peters. Der Unfallgutachter aus Trier meint, man könne solche Unfälle nicht ganz vermeiden, doch müsse mehr getan werden, um mögliche Falschfahrer rechtzeitig zu warnen (etwa durch Warnschilder) oder zu stoppen (etwa durch in Autobahnausfahrten versenkten Krallen, die beim Überfahren eines Fahrzeuges in falscher Richtung ausfahren und die Reifen zerstören). "Gewollte Geisterfahrten würden hierdurch zumindest erschwert", sagt Peters.
Suche nach Ursachen
Die Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) in Bergisch-Gladbach untersucht derzeit, wie es überhaupt zu Geisterfahrten kommt. Analysiert werde, wie es zu den Falschfahrermeldungen komme, wie viele Falschfahrten tatsächlich stattfänden und welche Ursachen und Begleitumstände es dafür gebe, sagt Bast-Sprecherin Iris Schneidermann dem Volksfreund.
Laut Bundesverkehrsministerium werden etwa 1700 Geisterfahrer pro Jahr im Verkehrsfunk auf deutschen Straßen gemeldet. Der ADAC spricht sogar von bis zu 2800 Fällen. Doch nicht hinter jeder Meldung steckt ein wirklicher Falschfahrer. In der Region wurden in diesem Jahr bisher 25 Falschfahrten ohne Verkehrsunfall registriert. "Da aber nicht alle Vorfälle bei der Polizei bekannt und erfasst werden, dürfte die tatsächliche Zahl darüber liegen", sagt Polizeisprecher Jochem.
Bei den 25 Falschfahrten nicht mitgerechnet ist der Horrorunfall von Mitte Oktober. Eine 60-jährige Geisterfahrerin raste auf der A.1 bei Rivenich (Bernkastel-Wittlich) in ein Auto, in dem ein Vater und seine vier Kinder saßen. Der Mann und zwei Kinder starben.
Auch in Luxemburg kam es in diesem Jahr bereits zu Geisterfahrerunfällen. Vor einem Monat stieß ein Falschfahrer auf der A.4 in der Nähe von Esch mit einem Auto zusammen. Der Geisterfahrer und der Fahrer des anderen Wagens wurden schwer verletzt. Bei einem weiteren Unfall starb im September auf der A.3 in Luxemburg ein Falschfahrer.Mautstation als HindernisIn Frankreich und in Italien wirken Mautstationen auf den Autobahnen als Hindernisse: Sie können nur in eine Richtung passiert werden. Um Falschfahrten zu verhindern, sollen dort künftig noch spezielle Kameras installiert werden. Außerdem ist geplant, Warnschilder aufzustellen.
In Frankreich ist die Zahl der Unfälle durch Geisterfahrer auf Autobahnen in den vergangenen Jahren geringfügig, aber kontinuierlich gesunken. 2011 verursachten Falschfahrer 35 Unfälle mit 56 Verletzten, das geht aus einer Statistik der Behörde für Straßensicherheit hervor.
Extra: Geisterfahrer-Warnsystem für Autos Ein Geisterfahrer-Warnsystem könnte im kommenden Jahr in Serie gehen. Bislang hätten sich aber wenige Autohersteller für das Assistenzsystem interessiert, sagte am Montag eine Sprecherin der Automotive Group der Continental AG in Frankfurt. Bei dem System erkennt eine an der Rückseite des Innenspiegels angebrachte Kamera das Verkehrszeichen "Verbot der Einfahrt". Mit Hilfe eines optischen oder akustischen Signals wird der Fahrer auf das Versehen hingewiesen.
Ein abruptes Abbremsen des Fahrzeuges werde es aber nicht geben, betonte die Sprecherin. Das sei ein zu starker Eingriff in das Fahrgeschehen.
Zudem könnte es Probleme bei Baustellen auf Autobahnen geben, wenn der Verkehr über die Gegenfahrbahn geführt wird. Entwickelt wurde das System von der Siemens VDO in Regensburg. Das Unternehmen wurde 2008 von Continental übernommen. dpaTipps

Wie kann man verhindern, dass man falsch auf die Autobahn fährt? Autofahrer sollten sich vergewissern, dass kein rotes Verbotsschild die Einfahrt verbietet, rät die Polizei. Beim Halt auf Raststätten sollte immer in Fahrtrichtung geparkt werden. Was tun, wenn man falsch aufgefahren ist? Der ADAC empfiehlt: Sofort Licht und Warnblinkanlage an, umgehend an den Fahrbahnrand fahren, Auto dicht neben der Schutzplanke abstellen, vorsichtig aussteigen, sich hinter die Leitplanke stellen und die Polizei rufen! Auf keinen Fall sollte man als Falschfahrer wenden oder rückwärtsfahren. Was tun, wenn man einem Falschfahrer sieht? Der ADAC rät: Rechts halten, langsamer fahren und im Ernstfall auf dem Seitenstreifen anhalten. Damit man die Warnung überhaupt mitbekommt, ist es wichtig, im Auto den Verkehrsfunk zu hören. wie

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