Gemeinsam einsam

TRIER. Das innovative generationenübergreifende Projekt in der Trierer Gratianstraße besteht noch. Doch die ursprüngliche Idee, dass alte und junge Menschen sich gegenseitig unterstützen, ist nicht mehr belebt. Dennoch profitiert Christa Lichhardt (75) im Alter von dem damals eingeschlagenen Weg.

Die beiden zweigeschossigen Häuser in der Gratianstraße 3/5 und 7, sind von Grün umgeben. Hundertjährige Bäume stehen im Garten. In kleinen, liebevoll angelegten Beeten reifen Tomaten heran. Seit vier Jahren wohnt Christa Lichthardt (75) in einer der 43 Quadratmeter großen Wohnungen, deren Haustüren alle Richtung Laubengang weisen. Vor vier Jahren noch gab es den Verein "Miteinander-Füreinander", der das generationen- übergreifende Vorzeigewohnprojekt in der ehemaligen Franzosensiedlung mit Leben füllte. Geprägt hat Christa Lichthardt, dass ihre Mutter im Alter noch mal umziehen und alles Liebgewonnene und Alltägliche zurücklassen musste. "Da waren die Freunde, die Gräber, wöchentliche Treffen, zu denen sie jetzt nicht mehr gehen konnte", sagt die 75-Jährige. Von dieser Erfahrung gebrannt, machte sie sich mit 65 Jahren, "das Erwerbsleben war vorbei", Gedanken über das Älterwerden. Fest stand, dass sie selbstbestimmt alt werden und den Kindern nicht zur Last fallen wollte. "Sie haben ein Recht auf ein eigenständiges Leben", sagt die zweifache Mutter. In ihrem Umfeld konnte sie beobachten, dass Nichtstun den Alterungsprozess beschleunigte. Gegen die Vereinsamung und die in ihren Augen "immer unmenschlicher werdende Gesellschaft" wollte sie etwas tun. "Zudem fallen alltägliche Arbeiten wie Treppen putzen, Gardinen aufhängen oder schwere Einkäufe schleppen von Jahr zu Jahr schwerer", sagt Lichthardt.Ähnliche Probleme, doch keine Lösung

Und: Vor allem Frauen müssen im Alter den Gürtel enger schnallen, da die geleistete Erziehungsarbeit sich nicht in der Rente niederschlägt. "Allein Erziehende sind auch Frauen und Mütter, die in einer schwierigen Lebenssituation stecken", dachte sich Christa Lichthardt. Nach langen Verhandlungen, vielen Ideen und viel Engagement wurde daher das Wohnprojekt "Miteinander-Füreinander" realisiert. Ältere passten auf die Kinder auf, und die jungen Frauen hatten die Möglichkeit, arbeiten zu gehen. "Wir wollten alles, nur nicht erziehen, um den Zündstoff von vorneherein raus zu nehmen", stand für Lichthardt und die anderen Senioren fest. Einige Zeit lief das mit dem Generationenpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnete Projekt sehr gut. Die verschiedenen Bedürfnisse der unterschiedlichen Altersgruppen wurden respektiert. Senioren beispielsweise brauchen Ruhe, sind lärmempfindlicher. Kinder müssen Krach machen dürfen und brauchen Raum zum Toben. Die Senioren und die allein Erziehenden bezogen von Beginn an zwei Häuser "in Spuckweite". In einem Kommunikationsraum, in den später ein Kindergarten einzog, verbrachten die Hausbewohner Zeit miteinander, aber auch jeder für sich. "Wir sind eine Generation der Kriegskinder, wollen hin und wieder über andere Themen reden als die jungen Mütter", sagt Christa Lichthardt - und umgekehrt galt das auch. Doch irgendwann waren die Differenzen so groß, dass das Projekt scheiterte, der stabilisierende Verein aufgelöst wurde. Die Erwartungshaltungen beider Generationen seien zu unterschiedlich gewesen, Grenzen wurden überschritten. "Aus dem Miteinander wurde leider ein Gegeneinander", so Lichthardt. Die agile Mittsiebzigerin liebt ihre lichtdurchflutete Wohnung und "das aktive Leben drumherum". Und die Mitbewohner im "Haus Nummer 7". Gemeinsame Plauderstunden oder gemeinsames Einkaufen bereichern das Leben im Alter. Christa Lichthardt fehlt aus gesundheitlichen Gründen die Kraft, das Projekt zu reaktivieren. Aber sie wünscht es sich - es ist immer noch ihr Traum vom Älterwerden. "Der Generationenvertrag ist schön auf dem Papier", sagt sie mit leichter Verbitterung. In dem Mikrokosmos Gratianstraße 3/5 und 7 spiegelt sich die Gesellschaft wider. Bewusst zusammengefundene Solidargemeinschaften nehmen an Bedeutung zu, sie sind eine Gegenströmung zur Vereinzelung und zum Egoismus in der Gesellschaft - aber eben nur schwer realisierbar. Und: Funktionieren sie, dann entlasten sie den Staat. Das Scheitern zeigt, dass Jung und Alt beiderseits neue Kompetenzen erlernen müssen, um zueinander zu finden. Was ist, wenn Lichthardt irgendwann auf Hilfe angewiesen ist? "Meine Tochter hat mir zugesagt, dass sie sich kümmern wird", sagt sie. "Das gibt ein gutes Gefühl." Auf dem einzigen Plakat, das im gemeinsamen Hauseingang hängt, ist ein Text mit dem Titel "Miteinander auskommen" zu lesen.