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Große Spannung und hohe Beteiligung

Große Spannung und hohe Beteiligung

Zum Auftakt des europäischen Superwahljahrs haben die Niederländer am Mittwoch ein neues Parlament gewählt. Die Beteiligung an der Abstimmung lag bis zum Nachmittag deutlich höher als bei der letzten Wahl 2012.

Den Haag/Amsterdam (dpa) Nein, Geert Wilders kann ihr nicht die Laune verderben an diesem schönen Spätwintertag, der gleichzeitig der große Wahltag ist. Mit einer Mischung aus Neugier und Belustigung verfolgt Latifa A. am Mittwoch, wie der 53-Jährige mit den platinblonden Haaren von der Stimmabgabe in der Grundschule ihrer Tochter kommt. Ja, sie sei Muslima und habe marokkanische Wurzeln und ja, Wilders wolle weniger Islam und weniger Marokkaner in Holland, räumt die Frau aus Den Haag ein. Für eine Gefahr halte sie den Anführer der rechtspopulistischen PVV aber nicht.
"Ich bin sogar dafür, dass er mal an die Regierung kommt", sagt die 37-Jährige provozierend. Dann würden er und seine Anhänger sehr schnell merken, dass Politik wenig mit flotten Sprüchen zu habe. "Wir haben Gesetze hier in den Niederlanden, darüber kann er sich nicht hinwegsetzen", sagt sie. Den Islam zurückdrängen? "Er kann mich zu nichts zwingen. Ich kann zu Hause beten, wenn ich das will", sagt die Grünen-Wählerin.
In manchen Bereichen vertritt Wilders ihrer Meinung nach sogar Positionen, die sie richtig findet. Eine erschwingliche und gute Alters- und Krankenversorgung - da könne sie den PVV-Chef nur unterstützen.
Die selbstbewusste Frau mit dem leuchtend blauen Kopftuch mag nicht für alle muslimischen Niederländer sprechen an diesem Wahltag, aber sie ist doch ein Beispiel dafür, dass vielleicht mancher im Ausland Wilders mehr fürchtet als seine inländischen Gegner. Zwar gibt es diejenigen, die wie Maya Bihari (31) fürchten, dass Wilders es gelingen könnte, im Land "Hass und Wut" zu schüren. Viele andere lassen aber freimütig durchblicken, dass sie Wilders Einfluss auf die Politik in den Niederlanden gar nicht mal so schlecht finden.
Abseits von Dingen wie der Islamfeindlichkeit machten einige Positionen von Wilders durchaus Sinn, sagte beispielsweise Manager Dave Cho (42) und erinnert daran, dass Regierungschef Mark Rutte zuletzt sein Versprechen gebrochen habe, dass der niederländische Steuerzahler nicht mehr an den Rettungsversuchen für das pleitebedrohte Griechenland beteiligt werde. Der 42-Jährige hat sich diesmal dafür entschieden, für die linksliberalen Demokraten unter Alexander Pechtold zu stimmen. Rentner Aad Hillenaar will hingegen keine Risiken eingehen und hat wie bereits schon den letzten Wahlen für die Partei von Rutte votiert. Wilders habe recht, wenn er die vielen Ausländer als eines der größten Probleme der Niederlande bezeichne, sagt er. Er hoffe aber, dass auch Rutte dies nun angehen werde. "Er hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er das Land gut führen kann", sagt Hillenaar und lacht.
Diejenigen, die sich dazu bekennen, Wilders zu wählen, wirken dagegen eher schlecht gelaunt - trotz des strahlend blauen Himmels an diesem Wahltag. Etliche von ihnen schimpfen über die vielen Muslime im Land, die großen Gehaltsunterschiede und die angebliche Fremdbestimmung durch Brüssel. Kaum einer will seinen Namen in einer Zeitung lesen. Einer der Ausnahmen ist Astrid Toet. "Ja klar" wähle sie Wilders", sagt die 58-Jährige, die bei den vorherigen Wahlen noch für die Sozialdemokraten stimmte. Die Niederlande müssten endlich wieder den Niederländern gehören. Es gebe einfach zu viele Ausländer im Land. Was für eine Regierung sie für die nächsten vier Jahre bekommen, werden die Niederländer womöglich erst in einigen Wochen wissen. Da es keine Sperrklausel wie die deutsche Fünf-Prozent-Hürde gibt, können sich zahlreiche kleine Parteien Hoffnungen auf den Einzug ins Parlament machen. IT-Manager Marcel Deegeling (51) blickt am Mittwoch wie Latifa A. entspannt in die Zukunft. "Vielleicht wird Wilders die Wahl gewinnen, aber er wird nicht an die Regierung kommen, weil zum Glück niemand anders mit ihm arbeiten will", kommentierte er mit Blick auf die aktuelle Lage. Wilders habe Einfluss, aber er werde sein Land nicht ins Chaos stürzen können.
Wie die Wahl in den Niederlanden ausgegangen ist, können Sie auf
volksfreund.de
erfahren.
Bis zum Redaktionsschluss lagen noch keine Ergebnisse vor.
WAHLSYSTEM IN DEN NIEDERLANDEN


Extra

Die Zweite Kammer des niederländischen Parlaments hat 150 Sitze. Sie werden nach dem Verhältniswahlrecht vergeben. Eine Sperrklausel - wie die Fünf-Prozent-Hürde in Deutschland - gibt es nicht. Daher haben auch kleine Parteien guten Chancen, ein Mandat zu erringen. Zur Wahl am 15. März treten 28 Parteien an. Die Zahl der abgegebenen gültigen Stimmen wird durch die Zahl der Sitze, also 150, geteilt. Bei der vorigen Wahl 2012 waren rund 60 000 Stimmen nötig für einen Sitz. Die Restmandate werden nach einem komplizierten Verfahren auf die gewählten Parteien verteilt. Jeder der rund 13 Millionen Wahlberechtigten hat nur eine Stimme. Die Niederländer wählen mit einem roten Buntstift auf Papier.