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Grünen-Parteitag: Newcomerin Lentes schafft gegen Binz fast die Sensation

Grünen-Parteitag: Newcomerin Lentes schafft gegen Binz fast die Sensation

Ihre Rede war zerfahren und inhaltlich schwach. Und doch schaffte die Mayenerin Natascha Lentes (43) beim Grünen-Landesparteitag in Lahnstein beinahe die Sensation. Die Newcomerin konnte bei der Kampfkandidatur um den Landesvorsitz 75 Stimmen auf sich vereinen und schnitt überraschend stark ab. Für Amtsinhaberin Katharina Binz ging ihre Wiederwahl indes ziemlich in die Binsen. Mit 105 Stimmen brachte sie nur 55,9 Prozent der Delegierten hinter sich. Rund ein Dutzend Kreuzchen weniger – und sie hätte in eine zweite Runde gemusst. Wer weiß, was dann geschehen wäre.

Dabei hatte die Fraktionschefin im Mayener Stadtrat keinen leichten Stand. Sie ist noch nicht lange bei den Grünen. Im Partei-Establishment hat sie nahezu keine Fürsprecher. Auf dem Landesparteitag zeigte ihr die Führung der Ökopartei demonstrativ die kalte Schulter. Im Vorfeld wurde Lentes sogar von einer Landtagsabgeordneten (möglicherweise im Auftrag) angerufen und gewarnt, sich in Lahnstein keine "blutige Nase" zu holen. Sie solle doch besser kandidieren, wenn Binz nach der Wahl in den Landtag eingezogen sei. Die solidarischen Bekenntnisse der grünen Friedenspartei sind schnell erschöpft, wenn die Machtkämpfe in den eigenen Reihen toben.

Vor Aufregung komplett blockiert

In Lahnstein startete Lentes dann auch miserabel. Vor lauter Aufregung schien sie komplett blockiert. Ihre Rede holperte knapp 8 Minuten dahin. Bei den Nachfragen parierte sie schon besser. Katharina Binz indes hielt die vermutlich besten Reden des Tages, zuerst als Landesvorsitzende und dann als Kandidatin für die Wiederwahl: rhetorisch sauber und inhaltlich trennscharf. Doch all das half der 31-Jährigen Politologin, die im Hunsrück aufgewachsen ist, am Ende wenig. Die Klatsche war nicht mehr aufzuhalten. Lentes ist indes noch lange nicht am Ende. Sie wird vermutlich erneut für den Landesvorsitz kandidieren, wie sie gegenüber unserer Zeitung erklärte. Das könnte schon in einem Jahr sein, sollte Binz den Sprung in den Landtag schaffen.

Nachher begann das große Rätselraten in der Stadthalle von Lahnstein. Warum wurde Binz ein Jahr vor der Landtagswahl von den eigenen Leuten abgestraft? "Das ist etwas zu viel Mainz", meinte ein Delegierter. Binz kommt aus dem gleichen Kreisverband wie die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Spitzenkandidatin Tabea Rößner, vor allem aber wie der mächtige Fraktionschef Daniel Köbler. Manche Grüne in der Fläche halten den eigentlichen Macher in Mainz für zu einflussreich.

Die Intellektuelle Binz, die als strukturiert und zielorientiert gilt, kommt gelegentlich noch etwas zu studentisch-akademisch rüber. Die Grünen sind bodenständiger geworden. Auch ihr Wunsch, nach einem Jahr Landtagsabgeordnete zu werden, senkte ihre Chancen merklich. Möglicherweise bekam sie aber auch ein Stück von dem Frust ab, den manche Grüne gegenüber der Partei- und Fraktionsführung empfinden. Wer Lentes wählte, konnte den Etablierten einen Denkzettel verpassen, ohne gleich die innerparteilichen Basisrebellen um "Mehr Mut zu mehr Grün" zu stärken.

Deren Kandidat war Bernd Schumacher (Kreisverband Südwestpfalz). Er hatte gegen den Landesvorsitzenden Thomas Petry keine Chance, obwohl der Architekt aus Idar-Oberstein bislang kaum inhaltliche Akzente setzen konnte. Petry, der imposante 141 Stimmen erhielt, ist ein verlässlicher Kümmerer in seiner Partei. Die Basisrebellen um Schumacher, Karl-Wilhelm Koch und den Neuwieder Dietmar Rieth schätzen indes viele Grüne als Störenfriede und Quertreiber ein. 41 Stimmen (22,1 Prozent) für Schumacher waren die Quittung. Dieser überlegt nun, sich um ein Landtagsmandat zu bewerben. Der Rückhalt für die inhaltlichen Positionen dieser Gruppe dürfte weitaus höher sein als das Ergebnis der Kampfkandidatur, was auch der Beifall für Schumachers Rede zeigte.

Warnung vor Scheinlösungen

Der Südpfälzer warnte in einer mutigen Ansprache vor Scheinlösungen und faulen Kompromissen in der Koalition mit der SPD. Er warb für eine eingenständige grüne Linie. Redner wie Daniel Köbler hielten indes die rot-grüne Fahne hoch und schossen scharf auf CDU-Oppositionsführerin Julia Klöckner. Die grüne Bundesvorsitzende Simone Peter warf der Christdemokratin mit Blick auf deren Ruf nach einem Burka-Verbot "populistische Schaumschlägerei" vor. Binz äußerte sich differenzierter. "Wir müssen mit aller Kraft verhindern, dass die CDU die Uhren in Rheinland-Pfalz wieder zurückstellen kann", sagte sie. Aber auch: "Wir müssen eben auch verhindern, dass die SPD wieder unkontrolliert und unbegleitet das Land so verwaltet, wie sie es lange getan hat."