Hauptschule in Not: "Uns hilft keiner"

Hauptschule in Not: "Uns hilft keiner"

MAINZ. Der Trend ist eindeutig: Der Hauptschule gehen die Schüler aus. Wählte vor zehn Jahren noch fast jeder dritte Viertklässler den Wechsel zur Hauptschule, sind es aktuell noch nicht einmal mehr 15 Prozent. Mit generell sinkenden Kinderzahlen droht sich der Abschied von der Hauptschule in den nächsten Jahren existenzbedrohlich fortzusetzen.

Nur noch rund 40 000 Schüler besuchen die landesweit knapp 240 Hauptschulen. Demografischer Wandel und der Trend zu anderen Bildungsgängen könnten selbst diese Zahl in den nächsten zehn Jahren auf ein Drittel schmelzen lassen. Hermann Steegmüller, Leiter einer Hauptschule in Speyer, verwies bei einer Anhörung der CDU-Landtagsfraktion zur Zukunft der Hauptschule auf eine breite Ablehnungsfront bei Eltern und Schülern gegen den ehemals geschätzten Schultyp: Immer mehr auffällige Kinder, immer weniger Unterstützung aus dem Elternhaus, viele Nationalitäten und gefährdete Schüler sorgen für viele Probleme und einen schlechten Ruf. Der Schulalltag koste die Pädagogen viel persönlichen Einsatz, weil es zu große Klassen und zu wenig Lehrer für die schwierige Klientel gebe. "Aber uns hilft keiner", stellte Steegmüller vorwurfsvoll in Richtung Politik fest. Auch sein Kollege Matthias Roth, Rektor der Hauptschule Schifferstadt, zeichnet ein düsteres Bild: Problem-Schüler, Schulverweigerer, kritische Elternhäuser, Vandalismus und kaum zu bändigende Klassen. "Wir kommen an Grenzen, weil wir nicht mehr Wissen vermitteln können, sondern Probleme lösen müssen", sagt Roth. Ansehen und Akzeptanz der Hauptschule gehen nach seinen Worten gegen Null. Die Dreigliedrigkeit des Schulsystems funktioniere einfach nicht mehr. Mit der Anhörung stellt die CDU als Verfechterin des gegliederten Schulwesens auch ihre eigene Position teilweise infrage. Es gehe um Schüler, nicht um Schulformen, sagt Bildungsexperte Josef Keller. Der Lehrerverband VBE plädiert für einen "historischen Schulkompromiss" und einen Schnitt hin zum zweigliedrigen System. Statt Hauptschule, Regionale Schule oder Realschule soll es neben Grundschule und Gymnasium nur noch eine Mittelschule bis Klasse zehn geben. Für die Pädagogen in der Gewerkschaft GEW hat sich ebenfalls die Hauptschule "überlebt". Sie werben für eine integrative Schule bis Klasse zehn. Es dürfe nicht nur um ein neues Etikett gehen, sondern um mehr individuelle Förderung und möglichst lange gemeinsame Lernzeiten. Heftig abgelehnt wird eine "Zwangsfusion" zu einem zweigliedrigen System vom Verband der Realschullehrer VDR. Hauptschülern wäre damit nicht geholfen, und mit der Realschule würde eine von Eltern und Wirtschaft geschätzte Schulart ohne Not zerschlagen, argumentiert der VDR.Gymnasiallehrer als Streiter für die Hauptschule

Auch die Gymnasiallehrer im Philologenverband (PV) wurden bei der Anhörung zum Streiter für die Hauptschulen. Sie fürchten, dass die Zweigliedrigkeit zu verstärktem Ansturm von Realschülern auf die Gymnasien führt. Das gegliederte Schulwesen sei begabtengerecht. Die Wirtschaft müsse allerdings auch entsprechende Ausbildungschancen bieten, sagte PV-Vorsitzender Max Laveuve. Nach Angaben des Handwerks gibt es diese Chancen. Es fehle jedoch bei Bewerbern zu oft an Rüstzeug in Mathe und Lesen sowie der Lernbereitschaft. Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) fürchtet ideologische Grabenkämpfe und will sich auf eine Schulstrukturdebatte nicht einlassen. Das Land hat mit der Regionalen Schule einen Schultyp geschaffen, in dem bislang größere Hauptschulen aufgegangen sind. Sie bieten mit dem zehnten Schuljahr den mittleren Bildungsabschluss, dürfen jedoch der Realschule keine direkte Konkurrenz machen.