"Hier hat alles begonnen"

Neun Jahre nach den Terror-Anschlägen ist Ground Zero in New York eine Baustelle. Heute, am 11. September, stehen die Kräne still - und die Menschen gedenken des Tages, an dem die Flugzeuge in die Hochhäuser rasten und plötzlich nichts mehr war wie zuvor.

New York. Vor dem Hintergrund der großartigen Kulisse Manhattans steht eine Gruppe amerikanischer Kriegsveteranen im 48. Stock eines Wolkenkratzers. Vom berauschenden Ausblick auf die Skyline unbeeindruckt schauen die ehemaligen Soldaten geistesabwesend direkt nach unten, wo trotz der inzwischen begonnenen Aufbauarbeiten der Ground Zero sich immer noch als gähnende Lücke auftut. "Hier hat alles begonnen", sagt einer der "Vets". Er ist Ende 20 und wurde in Afghanistan verwundet. Nach dem 11. September hatte er sich freiwillig gemeldet.

Der Immobilienentwickler Larry Silverstein, der für einen Großteil des Wiederaufbaus des WTC verantwortlich ist, hat die Kriegsveteranen zu einer Führung über die geschäftige Baustelle eingeladen. Ein Mitarbeiter erklärt, dass das neue WTC aus einem Gebäudekomplex von sechs Wolkenkratzern bestehen wird, die ebenso wie einst die Twin Towers die Skyline Manhattans prägen werden.

Der erste Turm, auf den Namen "One World Trade Centre" getauft, wird mit 541 Metern das höchste Gebäude New Yorks sein und die alten Wolkenkratzer überragen. Die restlichen fünf Türme werden spiralenförmig so angeordnet, dass sie immer kleiner werden.

Im Zentrum des Gebäudekomplexes befindet sich die Gedenkstätte des 11. Septembers. Deren Herzstück sind die beiden "foot prints", die Fußabdrücke der Twin Towers, die zu Wasserbecken in einem Park umgestaltet werden. Darunter entsteht auf vier unterirdischen Stockwerken ein Museum. Der Park soll ein Ort des Gedenkens sein - keine Trauerstätte.

Bereits 2013 sollen der erste und der vierte Turm fertig sein. Als Prototyp für die Anlage dient der 2006 wieder eröffnete WTC Nr. 7. Dieser Turm war am 11. September 2001 als letztes Gebäude eingestürzt und ist als erstes wieder aufgebaut worden, wobei besonders auf revolutionäre Sicherheitstechniken geachtet wurde.

Jetzt, da die Bauarbeiten in vollem Gange sind, wird leicht vergessen, wie schwierig es war, die unterschiedlichen Vorstellungen aller Beteiligten über die Gestaltung des neuen WTC unter einen Hut zu bringen. Dabei mussten vor allem die Meinungen der Hinterbliebenen der Opfer berücksichtigt werden. Als endlich ein Konsens gefunden war, erschütterte die Finanzkrise die Weltwirtschaft, und der Baubeginn wurde verschoben. Viele New Yorker zweifelten bereits, ob es jemals zum Wiederaufbau kommen würde.

Erst als vor einigen Monaten der "One World Trade Centre" und der Turm Nr. 4 begannen, die Abschirmwand, die Ground Zero umgibt, zu überragen, hatte für die New Yorker weithin sichtbar der langersehnte Neuanfang begonnen. Wie sehr dies den Menschen des Big Apple am Herzen lag, wurde der Autorin dieser Zeilen durch Gespräche mit Zufallsbekanntschaften bewusst, für die Ground Zero immer noch die klaffende Wunde mitten im Herzen ihrer Stadt darstellte. Selbst für die Bauarbeiter vor Ort hat der Wiederaufbau eine fast mystische Bedeutung, als ginge es darum, eine Mission zu erfüllen.

Ein Arbeiter, der seinen Bruder am 11. September durch die Anschläge verloren hatte, erzählt, dass er an dem Tag, als er vom Wiederaufbau der Türme hörte, seinen alten Job aufgab, um von Anfang an am neuen WTC mitarbeiten zu können.

Tatsächlich hat der Wiederaufbau des WTC für viele New Yorker große Bedeutung: als Symbol der Befreiung von dem Schock und Terror des 11. September.