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"Hier stimmt was ganz und gar nicht"

"Hier stimmt was ganz und gar nicht"

Länder- und behördenübergreifende Großaktion zur Bekämpfung illegaler Abfallentsorgung: Unter Leitung des Landeskriminalamtes (LKA) haben am Dienstag in ganz Rheinland-Pfalz Polizeibeamte Abfalltransporte kontrolliert. Auch an Transitstrecken im Raum Trier wurden Kontrollen vorgenommen. Mit Erfolg, wie die Ergebnisse (siehe Extra) zeigen.

Hetzerath. Auf den Autobahnparkplätzen der A 60 bei Hetzerath sind seit 13 Uhr Kriminalhauptkommissar Kurt Sell, seine Kollegen vom LKA sowie Beamte von Kripo und Schutzpolizei im Dienst, mit ihnen Vertreter des Landesamts für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht sowie des Zolls. In einer zeitgleich in Baden-Württemberg, dem Saarland, Frankreich, Luxemburg und Belgien angesetzten Großkontrolle mit Schwerpunkt grenzüberschreitende Abfalltransporte überprüfen sie Ladungen und Papiere von Lastkraftwagen. Kurt Sell, Sachverständiger für Boden und Altlasten im für Umweltdelikte zuständigen Dezernat 42 des LKA, hat in eineinhalb Stunden schon 15 als Abfalltransporte gekennzeichnete Mulden-, Container- und Tankfahrzeuge kontrolliert, ab und zu auch einen gewöhnlichen LKW. "Wir hatten schon den Fall, dass mit einem Papiertransporter illegal Elektronikschrott gefahren wurde; vor die LKW-Planen hatte man einfach Holzplatten gestellt", erzählt er. Die illegale Verschiebung von Elektro- und Elektronikabfällen über den Hafen von Antwerpen nach Afrika, wo teils in Kinderarbeit deren krebserregende Komponenten von Metall getrennt werden, nimmt zu. Das hat das LKA festgestellt. Ebenso die Verschiebung von großen Mengen Bleibatterien. Ein Grund ist der hohe Marktwert von Metall, ein anderer der Gewinn von bis zu sechsstelligen Beträgen, wenn Abfall auf diese Weise illegal entsorgt wird. Um dem einen Riegel vorzuschieben, müssen Kurt Sell und seine Kollegen ran. "Wir können uns auf die freiwillige Einhaltung der Ordnung durch die Entsorger nicht verlassen", meint er. Wie zum Beweis geht ihm in diesem Moment ein "Fisch" ins Netz, ein mit zwei Containern beladener LKW, der vom Saarland nach Belgien unterwegs ist. Mit Overall und Mundschutz ran an die Ladung

"Hier stimmt was ganz und gar nicht", stellt Sell fest. Das Fahrzeug ist mit "A" für gefährlichen Abfall, einer orangefarbenen Tafel mit den Nummern für die Gefahrenklasse "sonstiger toxischer Stoff" und "metallischer Staub" gekennzeichnet, die Papiere aber deklarieren die Ladung unter Verwendung längst ungültiger Nummern als ungefährliche Zinkasche. "Angriff!", sagt Sell und meint damit die Kette, die jetzt in Gang gesetzt wird: Telefonate mit Fachbehörden, Beweissicherung, Kopie der Papiere, Dokumentation durch Fotos und Probennahme. Nun ist besonders Sells zusätzlich zum Polizeiberuf erworbene Fachqualifikation als Spezialist für Altlasten gefragt. Sie wurde für Stellungnahmen bereits in mehr als 800 Fällen abgerufen. Denn Probennahmen und Beweissicherung müssen hieb- und stichfest sein, wenn sich ein weiterführendes Ermittlungsverfahren gegen den Entsorger entwickelt. Mit Overall, Mundschutz, Handschuhen, Kamera, Probenlöffel und -gläsern rückt Sell der Ladung der Container zu Leibe und stellt fest: "Das ist keine reine Zinkasche, da sind auch feste Bestandteile, vielleicht Rückstände aus der Metallverarbeitung drin." Der LKW muss umkehren. "Unsere Arbeit funktioniert immer sehr effektiv", bilanziert Sell, das liege an der reibungslosen Teamarbeit mit allen Beteiligten, Kollegen wie Fachbehörden und großem Erfahrungswissen. "Wir sind in Rheinland-Pfalz auf einem sehr hohen Niveau." Extra Großkontrolle: Deutschland ist im Bereich Abfalltransporte größter Exporteur, aber auch Import- und Transitland. Deshalb fand jetzt eine Großkontrolle statt - mit dem Ziel, illegale Transporte und den Verbleib gefährlicher Abfälle stärker zu überwachen. In Rheinland-Pfalz wurden 209 Fahrzeuge, davon 86 Abfalltransporte, überprüft. 59, davon 25 Abfalltransporter, wurden beanstandet. Es gab vier Verstöße gegen abfallrechtliche und 33 gegen verkehrsrechtliche Bestimmungen, 63 Ordnungswidrigkeiten, 25 Verwarnungen, 15 Berichte über technische Mängel. In 16 Fällen wurden Fahrzeuge sichergestellt oder durften nicht weiterfahren, in acht Fällen mussten Sicherheitsleistungen hinterlegt werden. (ae)