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Hilflos im Griff der Schläger

Hilflos im Griff der Schläger

TRIER. „Happy Slapping ist harte Realität.“ Rechtsanwalt Constantin Mock hat in Trier die Präventionsplattform „Bündnis gegen Gewalt“ gegründet und kennt Fälle von unbegründet und sinnlos scheinenden Angriffen. Seine Prognose: „Es wird schlimmer.“

Zuschlagen und filmen: Dieses neue Phänomen der Gewalt manifestierte sich vor allem an Schulen. "Derartige Angriffe verursachen nicht nur körperliche, sondern auch furchtbare seelische Schäden", sagt Präventionsexperte Mock. Er hat auch in Trier einen solchen Fall erlebt. "Hier wurde ein junger Mensch über einen langen Zeitraum hinweg körperlich und seelisch gequält." Der Rechtsanwalt will weder die betroffene Schule noch die näheren Umstände nennen, um die Anonymität des Opfers und seiner Familie zu sichern.

Angriff auf dem Trierer Viehmarkt

Auch Marco Gessinger wurde zum Opfer. Der Informatiker aus Piesport feierte seinen Junggesellenabschied und zog mit seinen Freunden Dennis Hill, Michael Prüm und dem Norweger Kent Morten Soersdahl durch die Trierer Innenstadt von einer Kneipe zur nächsten. Es war schon spät, als die Gruppe den Viehmarkt überquerte. Hier wurde der Junggesellenabschied zum unvergesslichen Ereignis - im negativen Sinn.
"Zuerst waren es nur vier oder fünf, die auf uns zuliefen und direkt zuschlugen, doch sehr schnell wurden es immer mehr", erinnert sich Dennis Hill. "Wir wussten gar nicht, worum es geht." Zuerst dachte Hill an einen Raubüberfall. "Wir hatten im Rahmen des Junggesellenabschieds Lose verkauft, in der Kasse waren fast 800 Euro. Doch das Geld hat die Angreifer überhaupt nicht interessiert." Die Männer wehrten sich. "Doch wenn du vier oder fünf gegen dich hast, dann geht nichts mehr", sagt Michael Prüm. "Auch, wenn manche erst 14 oder 15 waren."
Während Prüm, Hill und Soersdahl festgehalten wurden, schlugen die Angreifer auf Marco Gessinger ein. Sie brachen seine Nase, das Auge schwoll zu. Kent Morten Soersdahl, hilflos im Griff der Täter, beobachtete den Einsatz der Video-Kamera. "Es war kein Handy, sondern eine Kamera mit Beleuchtung", betont er. Und sie war ständig auf Marco Gessinger gerichtet.

Hochzeit mit blauem Auge

Seine zukünftige Frau und seine Familie waren entsetzt. "Ich traute meinen Augen nicht, als ich meinen Neffen am Tag der Hochzeit sah", sagt Günter Kettern aus Piesport. "Das Gesicht war total entstellt, dick angeschwollen. Kaum aus den Augen sehend, nahm er die Glückwünsche der Gratulanten entgegen." "Um diesen Vorgang umfassend zu klären, wird sehr intensive Ermittlungsarbeit notwendig sein", sagt Monika Peters, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Trier. Im Raum steht der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung.

2004 saß in Hildesheim die gesamte Klasse einer Berufsschule vor dem Jugendrichter. Monatelang wurde ein Schüler gequält und gedemütigt, die gefilmten Gewaltexzesse schwirrten durchs Internet, doch niemand wollte etwas gesehen oder gehört haben. Constantin Mock hält "Happy Slapping" für eine in Großbritannien entstandene Welle, "die auch Deutschland mit voller Wucht treffen wird".

Ein Lehrer ging dazwischen

"Eigentlich war es ja nur Spaß." Mit diesem Satz erklärte ein 16-Jähriger im niedersächsischen Munster, warum er zusammen mit zwei anderen auf dem Flur der Hauptschule auf einen wehrlosen Mitschüler eintrat und die Szene filmte. Ein Lehrer ging dazwischen. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann wehrte sich gegen ein nach mehreren Fällen gefordertes Handy-Verbot an Schulen. "Damit wäre das Problem nicht gelöst", sagte Busemann. Sinnvoller sei es, solche Taten im Unterricht zu behandeln und klar zu machen, "dass auch derjenige sich strafbar macht, der eine Keilerei in Absprache mit dem Täter filmt."