Zerstörerische Flut ZDF-Wetterexperte: „Zu sagen, dass es schon früher Hochwasser gegeben hat, ist extrem fahrlässig“

Interview | Saarbrücken · Allen Warnungen zum Trotz brach am Freitag eine Flutkatastrophe über das Saarland und Teile von Rheinland-Pfalz herein. ZDF-Meteorologe Özden Terli erklärt, wie es dazu kommen konnte.

 Özden Terli moderiert seit über zehn Jahren das Wetter im ZDF.

Özden Terli moderiert seit über zehn Jahren das Wetter im ZDF.

Foto: ZDF/Torsten Silz

Die Nachrichten überschlugen sich am Freitag. Immer neue Katastrophen wurden aus dem gesamten Saarland gemeldet: Die Saar trat in der Landeshauptstadt beidseitig über die Ufer, Innenstädte wurden überflutet, es kam zu Stromausfällen, der Notruf war zeitweise überlastet, in Quierschied brach ein Damm und setzte das Kraftwerk Weiher unter Wasser. Innerhalb eines Tages fiel stellenweise über 100 Liter Regen – mehr als im gesamten Monat April (74 Liter). Auch in Rheinland-Pfalz wurden viele Menschen davon überrascht, wie schnell die Pegel der Flüsse angestiegen sind. Ist das noch normal? Wir haben bei ZDF-Wetterexperten Özden Terli nachgefragt.

Herr Terli, das halbe Saarland steht seit Freitag unter Wasser. Wie ist diese Wetterlage entstanden?

ÖZDEN TERLI Es handelt sich um eine sehr stabile und ruhige Wetterlage. Bildet sich dabei ein Tief, hat es viel Zeit, eine Region zu überqueren. Das ist besonders blöd, wenn sehr viel warme und feuchte Luftmassen vom Mittelmeer herangeführt werden. Dann bilden sich Gewitter, was nochmal eine ganz andere Gefahr darstellt. Das sehen wir zum Beispiel über das Pfingstwochenende, da wird es Gewitter geben, die auch stärker ausfallen können. Dieses Tief hat große Regenmengen gebracht, aber interessanterweise nur im Südwesten Deutschlands. Im Nordosten herrschten komplett andere Verhältnisse, da waren die ganze Zeit sommerliche Temperaturen. Weil es auch noch leicht windig ist und alles austrocknet, gibt es sogar Waldbrandgefahr. Wir haben hier riesige Gegensätze zwischen teils katastrophalen Überschwemmungen in Südwesten Deutschlands und großer Trockenheit im Norden und Nordosten. Das ist extrem, aber in einer Welt, die sich weiter aufheizt, zu erwarten.

Wie kann es sein, dass das Wetter innerhalb Deutschlands so unterschiedlich ist?

TERLI Das Unwetter-Tief ist zwischen zwei Hochs eingeklemmt und bewegt sich dadurch sehr langsam. Es gibt wenig Wind, der das Tief wegführen könnte. Die Zugbahn ist schon ungewöhnlich, normalerweise kommen die Tiefs vom Westen, dieses aber von Süden. Auch diese Veränderung in den Strömungen, also wie Tiefs ziehen, ist auch auf die globale Erhitzung zurückzuführen. Dazu gibt es bereits eine ganze Menge wissenschaftliche Studien. Es hängt mit dem Jetstream, also extrem starken Windströmungen in acht bis zwölf Kilometern Höhe, zusammen, der übrigens derzeit abwesend ist, dementsprechend zieht das Tief auch kaum. Aber es ist festzustellen, dass der Jetstream häufiger mäandert, wodurch Luftmassen an Orte gelangen, wo sie normalerweise nicht hingehören. Wenn das über Wochen passiert und die Wetterlage sich dadurch immer wiederholt, dann ist da was eindeutig nicht in Ordnung. So war es auch jetzt Anfang April, als warme Luftmassen aus dem Süden Europas nach Deutschland gelangten. Am 6. April knackten wir deshalb die 30-Grad-Marke, so früh im Jahr wie noch nie.

Stimmt es, dass auch das Mittelmeer aktuell viel zu warm ist?

TERLI Es ist normal und natürlich, dass sich die Mittelmeerregion im Frühling, Frühsommer und Sommer mehr aufheizt als unsere Regionen, weil sich dort eher Hochs ausbilden. Aber dadurch, dass sich das Temperaturniveau insgesamt erhöht hat und es am Mittelmeer wärmer ist als früher, heizt sich auch das Wasser mehr auf und warme Luft kann zudem mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Die physikalischen Parameter wirken sich einfach extremer aus: Mehr Wärme, mehr Feuchtigkeit, mehr Regen. Je nachdem, wie die Wetterlage ist, kann es zu extremen Unwettern kommen wie letztes Jahr in Griechenland, aber diese aufgeladene Luftmasse zieht auch mal nach Deutschland. Die Folgen sind katastrophal, wie man sieht.

Der Regen im Saarland war am Freitag eigentlich gar nicht so stark…

TERLI Aber es regnete eben flächendeckend und dann kommt das Wasser aus verschiedenen Regionen zusammen. Im Prinzip ist es der gleiche Effekt wie bei der Ahrtal-Katastrophe. Das kommt in bergigen Regionen durch zwei Faktoren zustande: Erstens bilden sich dort heftigere Gewitter und bleiben eher hängen und dadurch regnet es stärker und mehr. Beides kann dazu führen, dass große Regenmengen die Berge runterrauschen und sich unten sammeln. Auch das ist Physik, nämlich Schwerkraft: Das Wasser fließt nach unten. In Rinnsalen, die man normalerweise überhaupt nicht im Blick hat, sammelt sich alles, weil es der tiefste Punkt im Tal ist. Genau diese kleinen Flüsschen und Bäche wachsen dann zu rasenden Fluten an. Wenn auf einem großen Gebiet, wie in diesem Fall, die Regenmenge eines Monats innerhalb von 24 Stunden fällt, dann bedeutet das große Gefahr durch Überflutungen und Hochwasser.

Ein Kollege von Ihnen sprach von einem „hundertjährlichen Hochwasserereignis“…

TERLI Ich persönlich finde diese Vergleiche nicht glücklich und verwende sie nicht, weil sie nicht gut nachvollziehbar sind. Die Menschen verstehen nicht, was das bedeutet und wundern sich dann, wenn im nächsten Jahr wieder etwas ähnliches passiert. Auf den Moment runtergebrochen stimmt dieser Vergleich, aber die Welt wird ja immer wärmer und bleibt nicht so, wie sie ist!

Sie sagen also: Der Klimawandel ist eindeutig an dieser Katastrophe schuld?

TERLI Was heißt „eindeutig“? Wir leben in einer Welt, in der die Atmosphäre durch uns verändert wurde. Sie ist nicht mehr so wie vor Beginn der Industrialisierung und auch nicht mehr wie vor 40 Jahren. Das ist ein neuer Zustand, der sich auch immer weiter verschlimmert und zur globalen Erhitzung führt. Die Veränderung des Klimasystems kann man bei dieser Betrachtung gar nicht mehr außen vorlassen. Sie spielt immer eine Rolle, mal mehr, mal weniger, gerade bei solchen Ereignissen. Die Natur, unser Wetter muss mehr Energie umsetzen und das bedeutet letztendlich, dass es zu immer extremerem Unwetter und eben auch Katastrophen kommt. Die Gefahr steigt immer mehr, wenn wir weiter die Temperatur auf unserem Planeten planlos erhöhen. Dafür braucht man keine meteorologischen Diagramme oder Statistiken. Das sind physikalische Grundgesetze und die gelten für uns alle.

Aber früher hat es doch auch schon Hochwasser gegeben.

TERLI Natürlich, aber eine wärmere Welt kann einfach mehr Regen erzeugen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass solche Ereignisse häufiger stattfinden und extremer werden. Zu sagen, dass es schon früher Hochwasser gegeben hat, ist extrem fahrlässig, weil man keine Risikoabschätzung vornimmt! Das ist ein vollkommenes Ignorieren der wissenschaftlichen und physikalischen Fakten. Die Gegebenheiten, die jetzt in der Realität herrschen, sind einfach nicht mehr so, wie sie früher waren. Die Erkenntnisse sind da, damit muss man sich auch vernünftig beschäftigen. Sonst nimmt man das im Kauf und beim nächsten Mal wird wieder alles überschwemmt und Menschen könnten sterben. So etwas zu behaupten ist gravierend und keine Lappalie!

Sie stellen in Ihrer Wettersendung im ZDF immer wieder den Bezug zum Klimawandel her. Dafür wurden Sie wiederholt heftig attackiert. Immer wieder heißt es: Der Wetterbericht müsse doch „neutral“ sein.

TERLI Das ist er doch. Ich beschreibe das, was in der Natur passiert und die Veränderungen, die vor sich gehen. Daran passe ich mich natürlich auch im Wetterbericht an. Ich kann ja nicht sagen, dass das alles nichts mit der globalen Erhitzung zu tun hat, oder einfach gar nichts dazu sagen. Dann würde ich ja wichtige Informationen verschweigen. Das kann wohl niemand wollen. Die gesamte Annahme ist einfach falsch: Es ist neutral, sich mit der Klimakrise auseinander zu setzen und all ihren vielen Auswirkungen. Die brutale Realität sieht nun mal so aus.

Wiltingen: Aufräumarbeiten nach Hochwasser
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Nach Hochwasser: Aufräumarbeiten in Wiltingen

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Foto: TV/Katharina de Mos

Was können wir tun, damit es nicht immer schlimmer wird?

TERLI Es wird viel über Anpassungsmaßnahmen gesprochen. Natürlich müssen die stattfinden. Wenn im Saarland Dämme brechen, bedeutet das, dass diese Dämme auf diese Regenmengen nicht vorbereitet waren. Man muss überprüfen, inwieweit man eine Stadt anpassen kann und auch, ob in Gebieten, die überflutet wurden, noch weiter gebaut werden sollte. Darüber muss diskutiert, die Fakten abgewogen, genau geschaut werden, welche Bereiche gefährdet sind. Das hat nichts mit Ideologie zu tun, es geht um Menschenleben. Fernab von der konkreten Hochwassersituation müssen wir natürlich Städte und Gemeinden auch so anpassen, dass sie sich im Sommer nicht überhitzen. Hitze ist ein Killer, daran sterben Menschen! Letztendlich können wir gegen ein Extremwetterereignis aber nichts tun, wenn im Vergleich zu früher einfach mehr Wärme, Feuchtigkeit, also mehr Energie im Klimasystem vorhanden ist. In den letzten Jahrzehnten hat einfach kein adäquater Klimaschutz stattgefunden. Wir haben die Erhitzung zugelassen und sind deshalb jetzt dort, wo wir sind. Das werden wir aushalten müssen, dagegen können wir nichts tun. Für die Zukunft aber schon: Wir müssen so schnell wie möglich aus den fossilen Energieträgern raus, unseren CO2-Ausstoß auf Null runterfahren. Erst dann wird sich die globale Temperatur stabilisieren. Ansonsten wird sie immer weiter steigen, mit immer extremeren Auswirkungen – und zwar weltweit, nicht nur bei uns. Dabei hat sich die globale Temperatur bisher erst um 1,2 Grad erwärmt! Jetzt reden wir davon, dass wir die 1,5-Grad-Marke nicht mehr einhalten können und Mitte des Jahrhunderts bei 2 Grad landen werden. Wie extrem soll es denn noch werden? Das kann sich eigentlich niemand vorstellen, mir fällt da selbst als Meteorologe wenig zu ein. Wir sind stille Beobachter geworden, tun nicht genug und sehen einfach zu, wie sich alles verändert.

Das sind furchtbare Aussichten. Dagegen ist die nächste Frage fast banal: Welches Wetter erwartet uns im Saarland denn die nächsten Tage?

TERLI So, wie es derzeit aussieht, könnte es Dienstag und Mittwoch zu einer Wiederholung dieser Wetterlage kommen. Das ist wirklich erschreckend. Die Modelle zeigen ein Tief mit ähnlicher Zugbahn, das ähnlich langsam zieht. Ob die Regenmengen auch ähnlich werden, ist noch nicht ganz abschätzbar, aber wir sehen hier mindestens 40 bis 50 Liter pro Quadratmeter und das flächendeckend. Also erneut wieder eine Situation, wo viel Wasser zusammenkommt und die Berge runterrauscht. Sollte das so kommen, ist das eine ungute Situation, darauf muss man sich einstellen. Vielleicht sind bis dahin die Flächen wieder wasserfrei. Aber es könnte wieder genauso heftig werden. Wenn es so kommt, ist spätestens Donnerstag wieder alles überflutet. Das ist schon ziemlich krass.

Foto-Impressionen vom Mosel-Hochwasser am 18. Mai 2024 in Trier​
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Impressionen vom Mosel-Hochwasser am 18. Mai 2024 in Trier

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Foto: Roland Morgen

Das klingt noch etwas unsicher. Jetzt könnte man ketzerisch fragen: Die Wissenschaft kann nicht mal das Wetter in drei Tagen sicher voraussagen – also woher wollen Sie wissen, wie das Klima in ein paar Jahrzehnten werden wird?

TERLITja, das ist einer dieser wiederkehrenden Behauptungen von Klimaleugnern, deren Meinungsäußerungen sich seit Jahrzehnten nicht geändert haben. Dabei ist die Physik gut verstanden und hat sich stark weiterentwickelt. 1822 hat Joseph Fourier, der weltberühmte Mathematiker sich schon mit dem natürlichen Treibhauseffekt beschäftigt. Bekannter wurden es 1824, also vor 200 Jahren. Soviel zur Physik, auf die ja die Modelle beruhen, aber ein Modell fürs Wetter ist anders als für ein Modell fürs Klima. Man kann das Gewitter in drei Tagen schwerer vorhersagen als die globale Temperaturabweichung in vielen Jahrzehnten. Das eine ist sehr kleinräumig und das andere global. Wer so etwas sagt, macht das aus zwei Gründen. Entweder fehlt das Faktenwissen oder die eigene Agenda muss durchgedrückt werden. Am Ende gilt Physik für alle, niemand kann sich entziehen. Aber diese Klientel versucht immer wieder Diskussionen ins nichts zu führen. Wir verlieren dadurch viel Zeit, die wir einfach nicht haben. Was durch die Sanduhr rinnt, ist Goldstaub – so wertvoll ist die Zeit, die uns bleibt, um adäquaten Klimaschutz umzusetzen. Und Klimaschutz ist Menschenrecht – hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gerade erst geurteilt.

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