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Hochwasser in Kordel: Situation drei Monate nach der Flut im Kylltal

Drei Monate nach der Flut : „Es ist einfach zu viel“ - Erschöpfung und Verzweiflung in Kordel nach dem Hochwasser

Die Fotos des Hochwassers in Kordel gingen um die Welt. Drei Monate danach ist die Katastrophe noch immer allgegenwärtig, denn die Flutschäden sind alles andere als beseitigt. Die Menschen sind erschöpft, verzweifelt und manche haben das Gefühl, vergessen worden zu sein.

Es ist kühl geworden im Kylltal. Wie die Nebelschwaden, so steigt auch das Dröhnen der Bohrmaschinen und Meißelhämmer zu bewaldeten Hängen auf, die sich herbstlich verfärben.

Nur wenige Kilometer entfernt, da ist die Erinnerung an den Juli längst verblasst. Da geht das Leben seinen ganz normalen Gang. Im Zentrum von Kordel jedoch erinnert jedes einzelne Haus daran, was dort vor genau drei Monaten geschah – in der Nacht zum 15. Juli – als eine enorme Flutwelle heranrollte, die allein in diesem Ort 225 Häuser überschwemmte, alles mit sich riss, was die Menschen besaßen, Tonnen ölverschmierten Schlamms und gewaltige Schäden hinterließ.

Drei Monate später ist das Dorf noch weit – sehr weit – davon entfernt, sich von der Katastrophe erholt zu haben.

Es riecht nach Baustaub. In Dutzenden Häusern schlagen Menschen am Donnerstagmorgen Putz von den Wänden. Handwerkerautos, Baucontainer und Dixie-Klos säumen die Straßen, schlammverschmierte Öltanks, Säcke voller Bauschutt, Sperrmüllreste und Wohnwagen, die den Menschen als provisorische Unterkunft dienen.

Leben im Zelt nach dem Hochwasser in Kordel

Bis es zu kühl wurde, hat Nathalie Schmitz (Name geändert) mit ihrem Mann und vier Kindern auf einer Wiese gegenüber von ihrem Wohnhaus in einem großen Zelt am Kyllufer gelebt. „Jetzt hausen wir tagsüber hier“, sagt die 37-jährige blonde Frau, wirkt zutiefst erschöpft und schaut sich im Erdgeschoss ihres Hauses um. Roher Estrich, Wände, noch feucht vom frischen Putz, ein Biertischset, ein Höckerchen, auf dem eine Kochplatte steht, ein Elektro-Radiator. Die Familie hat es hart getroffen.

Sie waren gerade am Kochen, als das Hochwasser ihr Haus flutete und der Strom ausfiel. Als der Strom zurückkam und das Ceranfeld wieder heiß wurde, lagen Dinge, die sie vor dem Wasser retten wollten, auf dem Herd. Das Feuer, das ausbrach, machte auch die oberen Geschosse unbewohnbar.

„Wie schaffen wir das?“ Diese Frage begleitet die Familie, deren Haus nicht gegen Elementarschäden versichert war, nun seit Monaten. Für die jüngste Tochter sei es ein Abenteuer gewesen, mal im Zelt zu leben. „Für die anderen war es sehr schwierig, dass von jetzt auf gleich alles weg war.“

Inzwischen ist ein Obergeschoss so weit, dass alle dort schlafen können. Vor der Tür steht ein Sanitärcontainer. 11 000 Euro kostete die neue Elektrik, das Badezimmer wird noch teurer, auch die Heizung ist kaputt. Ein paar Tausend Euro Soforthilfe sind da schnell weg. „Wir haben alle keine Energie mehr“, sagt Schmitz und meint damit nicht nur sich und ihren Mann, sondern auch ihre Nachbarn, deren Häuser ähnlich aussehen.

 Drei Monate nach der Flut ist die Katastrophe in Kordel noch allgegenwärtig.
Drei Monate nach der Flut ist die Katastrophe in Kordel noch allgegenwärtig. Foto: TV/Katharina de Mos

Die Helfer werden weniger in Kordel

Am Anfang, da kamen ständig Helfer vorbei und Fremde, die Kleidung, Essen oder Geld schenkten. Inzwischen hat Nathalie Schmitz das Gefühl, vergessen worden zu sein. Und dann starb ihr Vater. Erst am Tag zuvor war die Beerdigung. „Es ist zu viel. Das reißt dich um“, sagt die junge Frau, während ihr Tränen in die Augen steigen. „Es ist einfach zu viel.“

Draußen dröhnt das allgegenwärtige Rattern der Abbruchhämmer durchs Dorf und mischt sich ins Rauschen der Kyll, die tief unter der Brücke als munteres Flüsschen vorbeifließt. Wer die Bilder nicht gesehen hat, wird sich nur schwer vorstellen können, wie hoch das Wasser hier vor drei Monaten stand. Sechs Stufen führen zur Bäckerei des Ortes hoch. Doch als draußen auf der Straße Boote vorbeikamen, da schwappte auch dort die Brühe durch die Türe.

Geisterzug wurde zum Symbol für das Hochwasser

Ein roter Regionalzug wurde am Bahnhof von den Fluten eingeschlossen. Er steht noch immer da. Ein Geisterzug am Geisterbahnhof. Neben dem Wartehäuschen stapelt sich angeschwemmter Müll. Seit Mitte Juli ist hier niemand mehr ein- oder ausgestiegen.

Ein Luftbild dieses Zuges schaffte es am 16. Juli auf die Titelseite der New York Times und  bescherte Kordel so traurige Berühmtheit. Genau wie jeden einzelnen Artikel, der jemals im Trierischen Volksfreund über sein Dorf erschien, hat Ortsbürgermeister Medard Roth, den Ausschnitt aus der US-Zeitung in einem dicken Ordner abgeheftet, den er im Obergeschoss des Bürgerhauses verwahrt.

Hochwasser in Kordel: Situation drei Monate nach der Flut im Kylltal
Foto: tv/Katharina de Mos

Von dort aus koordiniert der Orts­chef nun den Wiederaufbau seines Dorfes. Und dorthin hatte die Feuerwehr in der Nacht zum 15. Juli auch die Menschen gebracht, die evakuiert werden mussten.

 Ein Geisterzug,der Mitte Juli von den Fluten eingeschlossen worden war,  steht noch immer am verlassenen Kordeler Bahnhof.
Ein Geisterzug,der Mitte Juli von den Fluten eingeschlossen worden war,  steht noch immer am verlassenen Kordeler Bahnhof. Foto: TV/Katharina de Mos

Die Flutwelle war vorhergesagt. „Schon um 22 Uhr haben wir entschieden, das Dorf zu evakuieren“, erinnert sich Roth – das sei rund eine Stunde gewesen, bevor das Kreishaus in Trier dies anordnete. Als die Sirenen nicht mehr funktionierten, zogen die Feuerwehrleute von Tür zu Tür, um Anwohnern mitzuteilen, dass sie ihre Häuser unverzüglich verlassen müssen.  Dramatische Szenen spielten sich ab, als die Bewohner des Pflegeheims aus den schnell steigenden Fluten gerettet wurden, ehe man sie in Rollstühlen die Treppen des Bürgerhauses hinauf trug, wo am Ende rund 100 Kordeler die Nacht verbrachten.

Die neue, 330 000 Euro teure Atemschutzwerkstatt der Feuerwehr lief voll. „Da war innerhalb von fünf Minuten alles hinüber.“ Gleiches gilt für den Kindergarten. Das Gebäude muss abgerissen oder saniert werden. Die Außenflächen, auf denen die Kinder spielten, sind mit Öl verseucht.

Immer lauter und wütender wird der Ortschef, während er über den katholischen Kindergarten spricht, dessen Gruppen auf andere Gebäude in Kordel und umliegenden Orten verteilt sind. Denn seit Monaten warte er auf einen Termin mit dem Bistum, bei dem sich endlich klärt, wie es weitergeht. „Der Bischof hat an seine Gläubigen einen hohen moralischen Anspruch. Ich vermisse diesen Anspruch, wenn es um die Kinder in Kordel geht“, sagt Roth, den die Ereignisse noch immer sehr aufwühlen.

Tränen beim Gedanken an die schrecklichen Ereignisse

Seit 50 Jahren sei er in der Feuerwehr, seit 22 Jahren Ortsbürgermeister. Vier Jahrhunderthochwasser habe er erlebt, bevor die Flutwelle kam. Roth legt die Hände vors bärtige Gesicht und schweigt. Als er sie wieder wegnimmt, versagt ihm die Stimme, und er weint, als er sagt; „Wenn ich sehe, wie alles kaputtgeht...“ All die Häuser, die Geschäfte, die Metzgerei, das Hotel, der Bahnhof.

Schön sei es gewesen, die große Hilfsbereitschaft zu sehen. Auch werde er dem scheidenden Landrat immer dankbar sein für die Hilfe, die dieser so schnell organisiert habe. Schon um sieben Uhr hätten am Morgen des 15. Juli 150 Soldaten und 19 Feuerwehreinheiten aus der Pfalz bereitgestanden, um zu helfen. „Die haben Unheimliches geleistet“, sagt er.

„Und dann die Jugend im Dorf“, sagt er ehe ihm erneut die Stimme bricht beim Gedanken daran, wie Kordeler Mädchen und Jungen von morgens früh bis abends spät Schlamm schaufelten oder Häuser  ausräumten.

Dann klingelt das Telefon: Freiwillige Helfer wollen wissen, was sie tun können.

Manche Menschen in Kordel haben alles verloren

Ein paar Hundert Meter von­ Roths­ Amtssitz entfernt kämpft Marianne Oberhausen vor ihrem Haus mit den Wurzeln eines großen Oleanders, den sie umtopfen will. Während in den umliegenden Häusern der Putz von den Wänden gehämmert wird, liegen in ihrem Haus die roten Bruchsteinwände schon blank. Seit sechs Wochen surren die Trocknungsgeräte. Dass etwas nicht stimmt, hatte sie am 14. Juli im Badezimmer bemerkt. Da habe es plötzlich gegluckert, dann sei das Wasser aus der Toilette und der Badewanne gekommen. Als sie ins Wohnzimmer ging, lief es dort bereits zur Hintertüre rein. „Das Wasser ging mir bis hier“, sagt die 75-Jährige und hält eine Hand in Achselhöhe. Sie weiß das so genau, weil sie zurückkehrte, in der Hoffnung noch etwas zu retten. Doch es gab nichts mehr zu retten.

„Ich habe nichts mehr. Nicht mal die Sterbeurkunde von meinem Mann“, sagt die Seniorin traurig. Vor rund einem Jahr war ihr Mann gestorben. Sie zog vom Obergeschoss nach unten. Dann kam die Kyll. Nun muss sie ohne ihn all das meistern. Und ein Blick in ihre Augen zeigt, wie schwer ihr das fällt.

Einen kleinen Lichtblick gibt es. Den Koi, der mit 60 Goldfischen in ihrem Gartenteich lebte, haben Kinder etwas unterhalb auf der Straße schwimmen sehen. Er wurde gefangen und wird eines Tages zurückkehren, wenn der Teich repariert ist. 36 Jahre sei der Koi bei ihnen gewesen, sagt Marianne Oberhausen. „Da hat mein Mann sicher von oben gut auf ihn aufgepasst.“

Die Seniorin hofft, an Weihnachten wieder normal in ihrem Haus leben zu können. Wie Hunderte andere Korderler. Mit einer Heizung, die wärmt. Und Gesellschaft, die vergessen lässt, welch harte Zeiten hinter dem Dorf und seinen Menschen liegen.