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Hoffnungsschimmer für "schwere Sünder"

Hoffnungsschimmer für "schwere Sünder"

220 Kleriker, Wissenschaftler und Gläubige haben während eines Forums anlässlich der seit 2013 laufenden Synode in Trier über das Streitthema Geschieden-Wiederverheiratet diskutiert. Bischof Stephan Ackermann sieht eine Chance auf Änderung, aber er betonte, dass es eine weltkirchliche Regelung geben müsse und noch Zeit brauche.

Trier. "Ich bin ein Scheidungskind", ruft der Laienschauspieler. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, so wie die elf weiteren Mitmachenden auf der Bühne im Robert-Schuman-Haus. Nach und gesellen sie sich zu ihm, verkörpern Gefühle wie Einsamkeit, Wut und Trauer. Die "Play Black"-Gruppe des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums stellte zu Beginn des Forums mit ihrer Performance eindrucksvoll die Seelennöte in Scheidungsfamilien dar.Betroffene berichten


Was erleben Menschen, die katholisch, geschieden und wiederverheiratet sind in ihrer Kirche? Betroffene schilderten offen vor 220 Katholiken, unter ihnen 80 Synodale, was sie bewegt: Das Ehepaar Madla feierte im vergangenen Jahr Silberhochzeit. Sie haben drei Kinder. Seine erste Ehe war geschieden worden. Laut katholischem Kirchenrecht gelten sie als "schwere Sünder". Sie sind nun vom Empfang der Sakramente zum Beispiel von der Kommunion ausgeschlossen. Wilfried Madla sagt: "Aus gewissem Respekt gegenüber kirchlichen Gegebenheiten gehe ich nicht zur Kommunion." Seine Frau geht trotzdem, "inoffiziell". Andrea Madla erklärt: "Ich fühle mich nicht schuldig, ich habe einen geschiedenen Mann geheiratet." Doch wenn sie "offiziell" das Sakrament empfangen dürfte, würde sie sich integrierter fühlen. Die vierfache Mutter Ulrike Riemer berichtete von ihrer traumatischen Scheidung. Obwohl sie als Religionslehrerin nun fürchten muss, dass ihr die missio canonica, die kirchliche Unterrichtserlaubnis, entzogen wird, wird sie bald wieder heiraten. Zwei der Beispiele von betroffenen Gläubigen, die Bischof Ackermann offenbar sehr berührt haben. "Ihre Schilderungen und die Theateraufführung haben mir gut getan und für eine bestimmte Erdung an dieser Stelle gesorgt", sagte Ackermann. Er fühle sich stärker als Seelsorger angesprochen. Denn das drohe verloren zu gehen, wenn man sich einseitig, lehramtlich mit dem Thema beschäftige. Die Teilnehmer wiederum setzten sich auch in Werkstattgesprächen, die von hochkarätigen Experten geleitet wurden, mit dem Streitthema auseinander. Am zweiten Tag wurden auch Rufe nach mehr Verbindlichkeiten laut. Denn geschiedene Wiederverheiratete würden in den Gemeinden unterschiedlich behandelt, sagte Ilse Diewald, Diözesanvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft. Es könne nicht vom Glück oder Pech abhängen, mit welchem Pastor Katholiken in zweiter oder dritter Ehe zu tun hätten. Dafür erntete sie viel Applaus und die Zustimmung des Bischofs. Stephan Ackermann weckte am Ende des weitägigen Austauschs Hoffnungen: "Wir sind in einer Situation, die eine besondere Chance bietet, in diesem Thema weiterzukommen." Er machte aber auch deutlich, dass es keine Lösung an der Gesamtkirche vorbei geben könne. Wer Hoffnung hat, dass sich im Oktober während der Bischofssynode in Rom etwas bewegt, der wird enttäuscht werden. Ackermann betonte, dass es dort erst einmal um eine Bestandsaufnahme gehen werde. Während der anschließenden Pressekonferenz betonte der Bischof nochmal, dass Veränderung Zeit brauche.Bischöfe entscheiden


Ackermann hatte das Thema, das gesamtkirchlich große Aufmerksamkeit hat, aus der Bistumssynode ausgelagert, weil es nicht in seine Kompetenz als Bischof von Trier fällt, zu diesem Thema grundsätzliche Entscheidungen zu fällen. Aber in Deutschland könnte sich unabhängig von vatikanischen Entscheidungen trotzdem etwas ändern: Denn das kirchliche Arbeitsrecht liegt in den Händen der deutschen Bischöfe. Die Verbindung von Kirche und Staat ist laut Ackermann in Deutschland weltweit eine Sondersituation. "Man müsse dort genauer hinschauen", sagte der Bischof. Im Bistum Trier müsse man prüfen, ob schon genug getan werde, um geschiedenen Wiederverheirateten nahe zu sein. Das Forum hat vor allem eines gezeigt: Alles ist gesagt.Extra

Monsignore Stephan Wahl, Priester: "Wenn es für einen des Missbrauchs überführten Priester einfacher ist, Sakramente zu spenden, als für einen Geschieden-Wiederverheirateten, Sakramente zu empfangen, dann ist was in unserer Kirche faul." Marita Krist, Leiterin der Lebensberatungsstelle des Bistums Trier in Hermeskeil: "Scheidungskinder müssen bei der Diskussion mit in den Blick genommen werden." Barbara Jung, Gemeindereferentin in Losheim: "Ich habe während des Werkstattgesprächs mit Heidi und Professor Thomas Ruster gelernt, dass es eine Lösung geben könnte: Die Entkopplung von Ehevertrag und Sakrament." Für das Improvisationstheater mit Trierer Schauspielern hatten Forums-Teilnehmer Sätze, die sie beeindruckt haben, aufgeschrieben - hier eine Auswahl: " Wir wollen nicht mehr reden, wir wollen Taten." "No sex in paradise." "Wir könnten schon viel weiter sein." "Das Einfachste wäre das Arbeitsrecht zu ändern." An einem Schaubild der Werkstattgespräche stand: "Es muss etwas geschehen. Tempo bitte!" kat