Hungern, bis die Kanzlerin kommt

Zum zweiten Mal in nur einer Woche haben sich 21 Bäuerinnen aus der Eifel auf die lange Fahrt in die Bundeshauptstadt aufgemacht. Mit rund 200 weiteren Frauen aus ganz Deutschland demonstrieren die Bäuerinnen vor dem Bundeskanzleramt, um Kanzlerin Merkel als Mitstreiterin für einen auskömmlichen Milchpreis zu gewinnen.

Bitburg/Berlin. "Unsere Not ist so groß, da sind viele von uns bereit, alles auf sich zu nehmen", sagt die stellvertretende Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM), Alice Endres. Gemeinsam mit Clementine Bonifas und rund 20 weiteren Milchbäuerinnen hat sich Endres am Freitag auf die 730 Kilometer lange Fahrt nach Berlin gemacht. Dabei protestierte die Eifeldelegation schon von Montag bis Mittwoch vor den Toren der Kanzlerin. "Es geht um die Existenz unserer Höfe. Bei diesem Milchpreis dauert es nicht mehr lange, und Tausende Landwirte müssen aufgeben", sagt die BDM-Sprecherin aus Meckel (Eifelkreis Bitburg-Prüm). Die Landwirtin will nun auch zum Äußersten gehen. "Ich bin bereit, mit in den Hungerstreik der Kolleginnen einzusteigen. Wenn es um die nackte Existenz geht, ist man auch bereit, die Gesundheit zu gefährden." Die Frauen wollen mit ihrer Aktion die Hilfe der Politik erwirken. Der Preis von unter 25 Cent pro Liter Milch sei ruinös. Noch vor einem Jahr sorgten die Protestaktionen und Blockaden der BDM-Bauern bundesweit für Furore, und es gelang den Landwirten kurzzeitig sogar, 40 Cent für den Liter Milch zu bekommen. Doch nun frieren und protestieren die Bäuerinnen in Berlin, damit der Preis nicht ins Bodenlose fällt. "Die Krise ist so groß. Wir erwarten von Frau Merkel, dass sie unsere Not zur Chefsache macht", sagt Alice Endres dem TV. Die Aktion in Berlin habe auch so etwas Gutes: "Der Zusammenhalt zwischen den Frauen ist etwas Großartiges und gibt mir die Hoffnung, dass wir gemeinsam etwas erreichen können." Eine Hoffnung, die sich bei Endres auch auf alle Landwirte erstreckt. "In dieser Not müssten auch die alten Gräben zwischen Bauernverband und BDM zugeschüttet werden", sagte die stellvertretende BDM-Landesvorsitzende.

Doch aus dem Kanzleramt, wenige Meter von den campierenden Bäuerinnen entfernt, gibt es bisher nur eine Absage: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht die Proteste der Milchbäuerinnen gegen niedrige Milchpreise offenbar skeptisch. "Bestimmte Forderungen (Rücknahme der höheren Milchproduktion, Anm. der Red.) sind politisch weder sinnvoll und werden deshalb von der Bundesregierung auch nicht verfolgt, noch wären sie in Europa mehrheitsfähig", sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg. Ein Treffen mit Merkel ist weiterhin nicht vorgesehen. "Es ist im Moment nicht absehbar und kurzfristig auch nicht geplant, dass es zu einer Begegnung kommt", sagte Steg. Derweil hungern und frieren die Bäuerinnen vor dem Kanzleramt weiter.

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Resolution: Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau fordert in einer Resolution, den katastrophalen Erzeugerpreisen bei Milch, Fleisch, Getreide und Fasswein entgegenzusteuern. Der Bauernverband erwartet unter anderem von der Politik die Abschaffung der hohen Agrardiesel-Besteuerung für Landwirte, eine Belebung des Milch- und Fleischabsatzes und eine Kennzeichnung von Analogkäse und Eiscreme aus Pflanzenfett.

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Subventionen: Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) lenkt ein und will nun doch die einzelnen Empfänger europäischer Agrarsubventionen veröffentlichen. Die EU-Zahlungen sollten Mitte Juni bekanntgegeben werden, sagte Agrarstaatssekretär Gert Lindemann am Freitag in Berlin. Darauf hätten sich Bund und Länder geeinigt. Die Namen sollen im Internet veröffentlicht werden. Auch der Grund der EU-Zahlungen soll erkennbar sein.

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