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"Ich bin demütig geworden"

"Ich bin demütig geworden"

Er fühlt sich und seine Familie kriminalisiert, obwohl er glaubt, dass er sich nichts vorzuwerfen hat: Hans-Jürgen Lichter, bis zu seiner Kündigung im März vergangenen Jahres Chef der zur Reh-Gruppe (Sektkellerei Schloss Wachenheim) gehörenden Kloster Machern AG äußert sich erstmals zu den Vorwürfen gegen ihn.

Es hat schon etwas Konspiratives, etwas Geheimes. So als wollte er nicht gesehen werden mit dem Mann von der Presse. Der Presse, die ihn, Hans-Jürgen Lichter, in seinen Augen kriminalisiert, ihn angeblich als Betrüger darstellt. Er spricht sogar von Rufmord. In der Sakristei der Autobahnkirche St. Paul in Wittlich trifft sich der ehemalige Topmanager der Unternehmensgruppe Reh mit seinem journalistischen Gesprächspartner.

St. Paul - das ehemalige Klostergelände, rund 250 000 Quadratmeter groß, das Lichter 2007 noch in Diensten von Reh, als Chef der zum Unternehmen gehörenden Kloster Machern AG gekauft hat. Um dort, vor den Toren Wittlichs, einen Gesundheits- und Mehrgenerationenpark zu errichten. Wegen dieses Geschäfts liegen Lichter und die Reh-Gruppe seit über einem Jahr im Clinch.

Im März vorigen Jahres ist Lichter, ehemals Küchenmeister, überraschend entlassen worden. Angeblich auch, weil er die Reh-Gruppe bei dem Verkauf des St.-Paul-Areals übers Ohr gehauen haben soll. Acht Jahre lang hatte er zuvor an der Spitze der zum Unternehmen gehörenden Günther-und-Käthi-Reh-Stiftung gestanden und in deren Auftrag Millionen Euro vor allem für Immobilienprojekte bewegt, eben auch als Chef der zur Stiftung gehörenden Kloster Machern AG.Kauf und Verkauf

Der Vorwurf lautet: Lichter soll die Grundstücke in Wittlich für rund eine Million Euro gekauft und kurze Zeit später für drei Millionen Euro weiterverkauft haben. Unter anderem an die Grundstücksentwicklungsgesellschaft St. Paul, an der Lichter beteiligt ist. Damit habe er der Reh-Gruppe immerhin einen Gewinn von zwei Millionen Euro beschert, sagt Lichter. Die Staatsanwaltschaft hat darin kein strafbares Handeln gesehen. Dass der Verkaufspreis höher als der Kaufpreis liege, hänge damit zusammen, dass die Geländeteile erschlossen wurden und dass sich damit ihr Wert gesteigert habe, hat die Staatsanwaltschaft begründet, warum sie nicht gegen Lichter ermitteln wird. "Mit Grundstücken und Immobilien Geld zu verdienen, war meine Aufgabe als Vorstand", rechtfertigt der 51-Jährige den Verkauf.

Trotzdem streiten sich Lichter und die Reh-Gruppe in verschiedenen Zivilverfahren um diese Sache. Im Kern geht es darum, ob ihm ein Fehlverhalten als Manager nachgewiesen werden kann - und ob er haftbar sein könnte für einen möglichen finanziellen Schaden, den die Reh-Gruppe geltend macht. Ihm wird Untreue vorgeworfen, er soll mit dem Grundstücksgeschäft St. Paul die Reh-Gruppe um Gewinne aus dem Verkauf betrogen haben. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst", wiederholt der 51-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Dasselbe hatte er auch immer wieder vor Gericht gesagt. Und er sagt auch: "Ich bin demütig geworden."

Es ist das erste Mal, dass sich Lichter nun öffentlich, außerhalb des Gerichtssaals, zu den Vorwürfen äußert. Der Rausschmiss, der Vertrauensentzug durch die Familie Reh, allen voran Nick Reh, der Sprecher des Vorstandes der Reh-Stiftung ist und wohl maßgeblich an der Entlassung Lichters beteiligt war: Dass er als Krimineller dargestellt werde, habe ihm und seiner Familie schwer zugesetzt, sagt Lichter. Er habe sich aber nichts vorzuwerfen. "Außer dem einen Fehler." Damit meint er, dass er einer Mitarbeiterin die geleisteten Überstunden als Fahrtkosten ausgezahlt hat. Das hat das Gericht als Vertrauensbruch angesehen und die Kündigung deswegen als gerechtfertigt beurteilt.

Dagegen ist Lichter in Berufung gegangen. Er will die Kündigung vom Tisch haben, will quasi eine Einigung mit seinem früheren Arbeitgeber und einen Teil seines früheren Gehaltes. Das ist seitens der Reh-Gruppe aber immer wieder abgelehnt worden. Ein paar Monate vor der Entlassung war der Vertrag Lichters um weitere fünf Jahre verlängert worden.Abfindung angeboten?

Angeblich soll Lichter bei seinem Rauswurf im März vergangenen Jahres eine Abfindung angeboten worden sein. Auch soll man ihm offeriert haben, sich ausschließlich um St. Paul zu kümmern, dafür aber seine Tätigkeit in der Stiftung und in der AG aufzugeben. Lichter äußert sich dazu nicht. Was zu dem Vertrauensbruch geführt haben könnte, kann er sich nicht erklären.

Fakt ist: Sowohl Lichter als auch die Reh-Gruppe sind noch an dem Projekt St. Paul beteiligt. Lichter hält an den eigens gegründeten Gesellschaften Immobiliengesellschaft St. Paul und Grundstückentwicklungsgesellschaft St. Paul jeweils zehn, die Reh-Gruppe jeweils 25 Prozent. Lichter ist in beiden Gesellschaften einer von drei Geschäftsführern. Gestern hat er bekannt gegeben, dass er diese Ämter ab sofort niederlegt.

Die Reh-Gruppe hat angekündigt, ihre Anteile abzustoßen, "da wir von den beteiligten Partnern in der Vergangenheit massiv übervorteilt wurden", teilte Nick Reh gestern mit.

Neben der Reh-Gruppe und Lichter sind Mitarbeiter einer großen Steuerberatungskanzlei mit Sitzen im saarländischen Dillingen und Trier mit Privatkapital an den Gesellschaften beteiligt. Darunter auch ein Trierer Steuerberater, den Lichter als Vermittler von möglichen Investoren in das Projekt genommen hat. Der Mann hat dafür 100 000 Euro Beraterhonorar kassiert.Streit über Honorar

Aus Sicht der Reh-Gruppe hätte er diese Summe nicht verlangen dürfen, weil er als Steuerberater nicht als Makler aktiv werden dürfe. Dagegen wehrt sich der Steuerberater. Er dürfe durchaus Beraterhonorar kassieren, es sei nichts Illegales dabei. Auch in dem Fall hat die Trierer Staatsanwaltschaft kein strafbares Verhalten erkennen können. Er suche auch weiter nach Investoren für das Areal, sagt der Steuerberater. Etwa ein Unternehmen, das ein Gesundheitszentrum in St. Paul bauen wolle.

Neustart mit Heino

Lichter selbst, der von sich sagt, er habe das Unternehmer-Gen in sich, hat mittlerweile eine eigene Firma gegründet. Ende August hat er die AVL-Projektentwicklungssgesellschaft mit Sitz in seinem Heimatort Maring-Noviand (Bernkastel-Wittlich) ins Handelsregister eintragen lassen. Die Gesellschaft kümmert sich laut der Eintragung um "An- und Verkauf sowie die Vermittlung von Immobilien, die Verwaltung eigenen und fremden Vermögens, die Projektierung und Durchführung von Großveranstaltungen, den Betrieb von Hotel- und Gastronomiebetrieben".

Und vor allem als Organisator von Großveranstaltungen ist Lichter momentan wieder aktiv. So veranstaltet er zum einen mit Partnern ein Oktoberfest in Riol an der Mosel und zusammen mit einem Bitburger Hotelier ein ähnliches Fest in Koblenz. Dafür hat er kürzlich sogar den Neu-Rocker und Schlagerbarden Heino verpflichten können. Lichter kehrt damit wieder zu seinen Wurzeln zurück. Als Leiter des Caterings eines Wittlicher Unternehmens hat er jahrelang das dortige Oktoberfest veranstaltet. Und in den Diensten von Reh hat er ein solches im Kloster Machern etabliert.

Doch nicht wegen seiner neuen Firma legt er die Ämter als Geschäftsführer der St.-Paul-Gesellschaften nieder. Sondern, wie er sagt, um weiteren Schaden durch "ausufernde Berichterstattung über meine Person" von dem Projekt abzuhalten, dessen "geistiger Vater" er sei. Seine Anteile an den Gesellschaften behält er wohl weiter. Künftig wolle er sich aber weiter um die Entwicklung "von größeren Immobilienprojekten in der Großregion" kümmern.Extra

 Großer Andrang im April beim symbolischen Spatenstich für den zweiten Bauabschnitt zum Wohnpark, der auf dem zehn Hektar großen St.-Paul-Gelände entstehen soll. TV-Foto: Archiv/Klaus Kimmling
Großer Andrang im April beim symbolischen Spatenstich für den zweiten Bauabschnitt zum Wohnpark, der auf dem zehn Hektar großen St.-Paul-Gelände entstehen soll. TV-Foto: Archiv/Klaus Kimmling
 Das ehemalige Missionshaus St. Paul. TV-Foto: Hans-Peter Linz
Das ehemalige Missionshaus St. Paul. TV-Foto: Hans-Peter Linz
 Sakristei als Treffpunkt: die Autobahnkirche St. Paul. TV-Foto: Klaus Kimmling
Sakristei als Treffpunkt: die Autobahnkirche St. Paul. TV-Foto: Klaus Kimmling

Die juristischen Auseinandersetzungen zwischen der Reh-Gruppe und Hans-Jürgen Lichter gehen weiter. Lichter ist in Berufung gegangen gegen seine vom Gericht bestätigte Kündigung. Die erste Kündigung vom März 2012 sah das Trierer Landgericht als nicht gerechtfertigt an. Daraufhin hat die Reh-Gruppe eine zweite Kündigung nachgeschoben, die das Gericht anerkannt hat. Gleichzeitig hat die Reh-Gruppe Berufung eingelegt gegen die Unwirksamkeit der ersten Kündigung. Außerdem bereitet das Unternehmen eine Schadenersatzklage gegen Lichter vor. wie