"Ich bin froh, dass wir nicht flächendeckend auf G 8-Gymnasien gesetzt haben"

Bislang ging man im Land davon aus, dass die Zahl der Schüler rapide zurückgeht, die Klassen kleiner werden können und weniger Lehrer gebraucht werden. Nun zeigt sich, dass die Schülerzahl doch nicht so rasch sinkt. Im TV-Interview sagt Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) wie sie darauf reagiert. Die Fragen stellte unser Redakteur Bernd Wientjes.

Frau Ahnen, zum Schulbeginn kommt immer wieder die Kritik der Lehrergewerkschaften, dass es zu wenig Lehrer gibt, dass es immer öfter zu Stundenausfällen kommt. Was entgegnen Sie dieser Kritik?
Doris Ahnen: Die Lehrerverbände äußern sich dieses Jahr differenzierter und erkennen durchaus an, dass 1 200 Lehrkräfte zum Schuljahresbeginn neu eingestellt wurden. Und alle Rückmeldungen aus den Schulen selbst lassen auf eine gewisse Zufriedenheit mit den Lehrerzuweisungen für das neue Schuljahr schließen. Ich bin fest überzeugt: Es wird für die Schüler, für die Lehrer und auch für die Schulleitungen ein guter Start ins neue Schuljahr.
Fakt ist aber doch, dass Lehrer fehlen, zumal die Schülerzahlen nun doch nicht so schnell sinken, wie gedacht, oder?
Ahnen: Die Schülerzahlen sinken nicht so stark wie in früheren Prognosen vorhergesagt. Das trifft für fast alle Bundesländer zu. Wir in Rheinland-Pfalz haben darauf reagiert und haben für das neue Schuljahr mehr Lehrerstellen im System als ursprünglich geplant - genauer gesagt geht es da um 250 Stellen.
Womit hängt die Entwicklung zusammen?
Ahnen: Die Entwicklung der Schülerzahlen entspricht neueren Trends in der demografischen Entwicklung, die das Statistische Landesamt auch ganz aktuell wieder klar benannt hat. Die Zuwanderung nach Deutschland - und auch der Zuzug nach Rheinland-Pfalz - ist deutlich größer als in früheren Prognosen angenommen. Viele Zuwanderer haben Kinder, die auch eine Schule besuchen.
Trotzdem schneidet Rheinland-Pfalz bei Bildungsvergleichen, etwa dem Bildungsmonitor, nur mittelmäßig ab. Heißt, dass die Schulen unsere Kinder schlecht ausbilden.
Ahnen: Dass die Berechnungsmethoden und vor allem das Länderranking des Bildungsmonitors - vorsichtig ausgedrückt - Fragen aufwerfen, ist mittlerweile Allgemeingut. Von daher orientiere ich mich an anerkannten, seriösen Leistungsvergleichen. Und in den Ländervergleichen des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen zur Überprüfung der Bildungsstandards haben die Schulen im Land sehr gut abgeschnitten.
Schlechte Noten bekommt das Land aber vor allem für den angeblich hinterherhinkenden Ganztagsschulausbau. Können Sie das nachvollziehen? Wird es irgendwann nur noch Ganztagsschulen im Land geben?
Ahnen: Bei den Ganztagsschulen ist für mich - wie bei anderen Schulangeboten auch - sehr wichtig, dass es sich um ein pädagogisch hochwertiges Angebot handeln muss. Diese Differenzierung wird in den bundesweiten Statistiken - leider - aber nur sehr unzureichend wiedergegeben. Rheinland-Pfalz übertrifft mit seinen Ganztagsschulen sowohl beim zeitlichen Umfang als auch bei den pädagogischen Anforderungen ganz erheblich die gängigen Vorgaben der Definition von Ganztagsschule. Nach wie vor halte ich allerdings das Wahlrecht der Eltern - auch bei der Entscheidung für oder gegen einen Ganztagsschulbesuch ihrer Kinder - für ein hohes Gut.
Sind Sie eigentlich froh, dass das Land sich gegen ein flächendeckendes G 8-Angebot entschieden hat?
Ahnen: Ja, und mit mir viele andere im Land. Es war nicht leicht, diese Linie durchzuhalten, aber ich war schon immer fest überzeugt, dass G 8 nur mit einem ausgereiften und gut vorbereiteten Ganztagsschulkonzept funktionieren kann. Mit dieser Verknüpfung und der freien Entscheidung von Schulen, Schulträgern und Eltern, ob sie ein G 8-Ganztagsgymnasium wollen, sind wir in Rheinland-Pfalz auch sehr gut gefahren. Von insgesamt 150 Gymnasien haben sich 20 für die achtjährige Schulzeit entschieden.
Wo sehen Sie den dringendsten Reformbedarf in Sachen Schulen?
Ahnen: Die größte Herausforderung für die Schulpolitik - im Land und bundesweit - ist momentan sicherlich die Umsetzung der Inklusion. Die Inklusion steht aber nicht allein, sondern ist verbunden mit dem großen Ziel, sehr gute Leistungen unserer Schulen mit einem hohen Maß an Chancengleichheit zu verknüpfen. Das ist im Übrigen auch dringend nötig zur Sicherung des Fachkräftebedarfs.
Muss das Schulsystem in den 16 Bundesländern in Zukunft mehr aufeinander abgestimmt sein?
Ahnen: Dieser Prozess ist bereits in vollem Gange. Es gibt gemeinsame Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss und für die gymnasiale Oberstufe. Der geplante Pool von Aufgabenstellungen für das Abitur setzt darauf auf. Wir stimmen uns länderübergreifend aber auch über andere Fragen immer stärker ab - beispielsweise bei der Berufswahlvorbereitung in der Schulzeit. wie