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"Ich habe dich für 300 Euro gekauft"

"Ich habe dich für 300 Euro gekauft"

TRIER. Weil er eine Frau vergewaltigt haben soll, muss sich derzeit ein 37 Jahre alter Mann aus Kelberg (Kreis Daun) vor dem Trierer Landgericht verantworten. Der Angeklagte – laut Staatsanwaltschaft ein Zuhälter – bestreitet die Vorwürfe. Hauptbelastungszeugin ist eine ehemalige Prostituierte.

Es kommt nicht häufig vor, dass im Trierer Landgericht verschärfte Sicherheitsmaßnahmen angeordnet werden. Gestern war so ein Tag. Wer als Zuschauer in den im hinteren Teil des Justizgebäudes gelegenen Saal 66 wollte, musste zuvor seinen Personalausweis vorlegen und sich einer Sicherheitskontrolle wie auf einem Flughafen unterziehen. Der Vorsitzende Richter Armin Hardt hatte das Prozedere angeordnet - zum Schutz einer jungen Frau. Ina (Name von der Redaktion geändert) soll an diesem Tag als Hauptbelastungszeugin gegen einen 37-jährigen Mann aus Kelberg aussagen - ihr ehemaliger Zuhälter, so steht es jedenfalls in der Anklageschrift von Staatsanwalt Stephane Parent."Eine Nacht hier, und alles wird gut"

Im Gerichtssaal sitzt die aus der Russischen Föderation stammende Ina - eingerahmt von ihrer Rechtsanwältin und einer Dolmetscherin - nur wenige Meter entfernt von ihrem mutmaßlichen Peiniger. Vier Kriminalbeamte haben die 25-Jährige an diesem Morgen begleitet. Ina ist in einem Zeugenschutzprogramm, will heißen: Die Ermittler tun alles, um Identität oder Aufenthaltsort der Frau geheim zu halten Die Mutter eines kleinen Sohnes ist gefährdet, weil ihre Aussage nicht nur den Angeklagten, sondern womöglich auch andere vor den Kadi und letztlich ins Gefängnis bringen könnte. Und Inas einstige Peiniger, Angehörige des Rotlicht-Milieus, verstehen keinen Spaß. Sie war 17, erzählt Schulabbrecherin Ina, lebte in einem kleinen Ort unweit des Schwarzen Meeres, als sie eines Tages eine Prostituierte kennenlernte. "Ich wusste, dass das nicht gut war", sagt sie heute, "aber ich sah auch keinen anderen Ausweg." Ina verkaufte fortan "aus Not" ihren Körper für Geld, erst in einer Bar, dann in einem Saunaclub. Lief das Geschäft gut, kam Ina auf 1000 Euro im Monat. Von dem Geld lebten auch ihre Eltern und der jüngere Bruder. "Willst du nicht nach Deutschland? Ich habe da ein Hotel", habe ihr Chef sie eines Tages gefragt, und Ina willigte ein. Die Aussichten: "Ein höherer Verdienst als in Russland". Ina kümmerte sich um den Reisepass, der Chef um Verdienstbescheinigung und Visum. Anfang Oktober letzten Jahres setzte sich die damals 24-Jährige in den Bus. Knapp drei Tage später kam sie in Berlin an und rief - wie besprochen - ihren Chef an. Er könne nicht kommen, habe der gesagt und ihr statt dessen die Telefonnummer "eines sehr guten Bekannten" gegeben. Ina rief an, setzte sich abermals in einen Bus und fuhr in den Rhein-Sieg-Kreis. Dort wurde sie schon von zwei Männern erwartet. Einer der beiden habe sie dann zwei Tage später mit den Worten "Eine Nacht hier, und alles wird gut" zur Wohnung eines Freundes gebracht. "Als ich dort aus der Dusche kam, lag der Mann schon nackt im Bett", erzählt Ina vor Gericht. "Er sagte: Ich bin jetzt dein Chef und muss deine Qualitäten testen." Ina wurde nach eigenen Angaben in dieser Nacht zum Sex gezwungen. Am nächsten Morgen habe der Bekannte ihres Ex-Chefs sie wieder abgeholt und in mehrere Bars gefahren. Ohne Erfolg. "Die wollen dich nicht", sei die Auskunft gewesen. Von einem Parkplatz aus habe ihr Begleiter dann telefoniert, und eine Viertelstunde später sei der Angeklagte mit seinem Wagen gekommen, um Ina mitzunehmen. "Ich gebe dich in gute Hände", soll der "sehr gute Bekannte" ihres Ex-Chefs Ina zum Abschied noch gesagt haben. Für die junge Frau, die kein Wort Deutsch spricht, ging die Odyssee damit weiter. Mit ihrem neuen "Begleiter" fuhr sie in dessen Wohnung nach Kelberg. "Wir haben etwas gegessen und Wodka getrunken, und er hat mir noch gesagt: Alles wird gut", erzählt Ina. Dann aber habe der Mann erst Annäherungsversuche gemacht und sie danach mehrfach geschlagen, als sie sich gewehrt habe. "Ich habe dich schließlich für 300 Euro gekauft", soll er gesagt haben. Danach soll der mutmaßliche Zuhälter Ina vergewaltigt und ihr die Papiere abgenommen haben. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe. Der Prozess wird am Dienstag in zwei Wochen fortgesetzt.