"Ich konnte nur noch Ja oder Nein sagen"

"Ich konnte nur noch Ja oder Nein sagen"

Karin Schneider genießt ihr Leben. Das ist nicht selbstverständlich. Denn vor 15 Jahren hat sie einen Schlaganfall erlitten, der ihr Leben dramatisch verändert hat.

Bernkastel-Kues/Neef. Manchmal sucht Karin Schneider nach Worten. Sie weiß, was sie sagen möchte, aber die richtigen Begriffe fallen ihr nicht gleich ein. Dies ist neben einer halbseitigen Lähmung eine Folge des Schlaganfalls. 1997 nach einer Darmooeration passierte es. Ein verstopftes Gefäß im Gehirn löste den Schlaganfall aus, der in ihrem Leben von einem Tag auf den anderen alles veränderte. 41 Jahre war sie damals. "Ich konnte nur noch Ja oder Nein sagen", schildert sie die erste Zeit danach.
"Das war eine ganz ganz grausame Zeit. Ich wollte etwas sagen, aber es kam nichts raus." Drei Wochen verbrachte die gebürtige Hunsrückerin auf der Intensivstation, danach folgten Aufenthalte in Reha-Kliniken in Meisenheim und in Bernkastel-Kues. Mühsam lernte sie wieder sprechen.
"Mir ist alles genommen worden", sagt Karin Schneider. Vor dem Schlaganfall war sie verheiratet, hatte Familie, ein Haus und arbeitete als Masseurin. Den Beruf musste sie aufgeben, es folgte die Scheidung.
Fast vier Jahre hat sie damals gebraucht, um sich mit der Situation abzufinden. Dann habe sie sich aufgerappelt. Sie fing an sich bei der Aphasie-Stiftung im Vorstand zu engagieren. Aphasie heißt der Verlust der normalen Sprachfähigkeit durch Schlaganfall oder Unfall.
Vom Jahr 2000 bis 2006 leitete sie eine Schlaganfallselbsthilfegruppe in Simmern. Die Gruppe in der Klinik Burg-Landshut in Bernkastel-Kues hat sie 2008 gegründet. Heute zählt die Gruppe rund 40 Mitglieder.
Die Arbeit mit der Gruppe macht Karin Schneider viel Freude. Sie betont, dass es nicht nur um den Austausch über die Krankheit geht. Die Mitglieder hätten auch viel Spaß miteinander. Sie zeigt ein Buch von der Aphasie-Stiftung mit Großaufnahmen von Betroffenen. "Fast alle lachen", sagt sie. Sie selbst freut sich ebenso wie ihr Lebensgefährte, mit dem sie heute in Neef lebt, auch an kleinen Dingen, die sie früher eher übersehen habe.
Dennoch prägt natürlich die Krankheit ihr Leben. Zweimal wöchentlich geht sie zur Ergotherapie, zwei mal zur Krankengymnastik. Auch die Sprachausbildung steht von Zeit zu Zeit immer wieder auf dem Therapieplan.
Aus ihren Erfahrungen mit der Selbsthilfegruppe weiß Schneider, dass kein Schlaganfallpatient wie der andere ist. Die Behinderungen sind bei allen völlig unterschiedlich. Allen gemeinsam sei aber, dass die erste Zeit ganz schwierig ist und fast immer von Depressionen geprägt ist.
Da sei es wichtig, sich irgendwann wieder aufzurappeln und an sich zu arbeiten. "Das Leben ist so schön, da kann man nicht in Depressionen verfallen", sagt sie heute. noj

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