"Ich musste schnell auf das Level der anderen kommen" - 15-Jähriger stirbt fast an den Folgen einer Alkoholvergiftung

"Ich musste schnell auf das Level der anderen kommen" - 15-Jähriger stirbt fast an den Folgen einer Alkoholvergiftung

Stark unterkühlt mit 2,9 Promille in die Klinik. Für einen 15-Jährigen aus dem Raum Trier endete eine Fete fast tödlich. Warum die Alkoholvergiftung ein Unfall war, hat er dem Trierischen Volksfreund erzählt.

Foto: Redaktion
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Lukas* ist ein junger Mann, wie ihn sich Eltern wünschen: selbstbewusst, sportlich und mit guten Noten in der Schule. Doch mit etwas weniger Glück würde der fast 17-Jährige heute nicht mehr leben. "Die Ärzte haben mir damals gesagt, dass ich gestorben wäre, wenn ich nur 20 Minuten länger da gelegen hätte", erinnert sich der Gymnasiast aus einem Ort bei Trier. "Ich kann das noch immer nicht realisieren."

Es war im Spätsommer 2015, bei der Geburtstagsfete einer Freundin, als zu viel Alkohol fast zur Katastrophe geführt hätte. Die Party auf einem abgelegenen Gelände, auf dem an diesem kühlen Abend nur Jugendliche Zugang hatten, war schon in vollem Gange, als Lukas endlich auftauchte. "Ich wurde aufgehalten und war viel zu spät dran", erinnert sich der junge Mann. Weil die Stimmung bereits ziemlich ausgelassen war, griff er sich sofort eine Flasche Wodka. "Ich hatte das Gefühl, ich muss mich schnell auf das Level der anderen bringen." Getrunken habe er den Schnaps wie Bier. "Mehr als eine Flasche in 20 Minuten." Der Filmriss kam schnell. "Gras. Ich erinnere mich daran, dass ich im Gras lag.

Dann war ich in einem Bett und hatte Infusionen im Arm." Erst später erfuhr er von Freunden, was sich am
Fetenabend weiter zugetragen hatte und wie knapp es war. "Wir wussten nicht, wie viel Lukas getrunken hat", schildert einer seiner Kumpel. "Er hat nicht mehr reagiert. Deshalb haben wir darüber diskutiert, ob er von alleine wieder zu sich kommen würde oder ob wir einen Krankenwagen rufen sollen. Aber als er dann gestammelt hat, er kann nichts mehr sehen, haben wir doch den Notarzt verständigt."

Mit 2,9 Promille Alkohol im Blut kam Lukas in die Klinik. 20 Minuten später, und er wäre möglicherweise gestorben. Nicht am Alkohol, sondern an Unterkühlung. "Vor allem die drei Tage im Krankenhaus waren für mich sehr lehrreich", sagt der 17-Jährige. "So etwas wird mir nicht mehr passieren."

142 Jugendliche unter 15 Jahren sind nach Angaben des Statistischen Landesamtes im Jahr 2015 in Rheinland-Pfalz nach einem Vollrausch im Krankenhaus gelandet. 1233 waren zwischen 15 und 19 Jahre alt. Gerhard Schröder von der Suchtberatung Die Tür kennt zumindest jene zwölf jungen Menschen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren, die seit September 2015 wegen einer Alkoholvergiftung im Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen in Trier behandelt wurden. "Wenn Jugendliche bis zur Bewusstlosigkeit trinken, ist das meist ein Unfall", ist Schröder überzeugt, der für die Stadt Trier das Alkoholpräventionsprojekt "HaLT" (Hart am Limit) koordiniert (siehe Extra). "Die trinken meistens einfach aus Unwissenheit über die Wirkung von Alkohol zu schnell."

Meist noch in der Klinik sucht Gerhard Schröder das Gespräch mit Jugendlichen und den Eltern. "Die sind meistens geschockt. Da redet man nicht gegen eine Wand. Und die Jugendlichen sind dankbar, weil wir auch ein Puffer zu den Eltern sind und vermitteln." Auch für Lukas war die Angst vor der Reaktion der Eltern groß. "Vor allem für meinen Vater war mein Verhalten ein Vertrauensbruch", erinnert sich der junge Mann, der vor jenem Sturzbesäufnis kaum Alkohol getrunken hatte. "Nur mit meinem Sportverein hatte ich schon ein wenig Erfahrung gesammelt, vor allem mit Bier."

In der gemeinsamen Nachsorge, auch bei der Suchtberatung Die Tür, sei es darum gegangen die Frage zu klären, warum er trinke. Aber auch die Ursachen für die nicht ganz einfache Beziehung zwischen Vater und Sohn wurden beleuchtet. "Heute kann ich mit ihm über Dinge sprechen, die davor unmöglich gewesen wären", zieht Lukas eine positive Bilanz. "Ich sage nicht, dass Alkohol generell schlecht ist. Aber ich brauche keinen Alkohol, um zu sein, wie ich bin."

Für den Jugendlichen, der fast gestorben wäre, war es letztlich eine lehrreiche Erfahrung. Dennoch wünscht er keinem seiner Freunde ein ähnliches Erlebnis. Vor allem Wodka gebe es bei fast jeder Party reichlich. Lukas weiß, wann es zu viel ist. Viele Gleichaltrige und Jüngere wissen es nicht: "Vor Kurzem musste ich auf einer Fete selbst den Notarzt rufen."

(*Die Redaktion hat den Namen des Jugendlichen geändert, um ihn zu schützen.)

Extra: Hart am Limit (HaLT) ist ein Alkoholpräventionsprojekt für 12 bis 17-Jährige, das von der Suchtberatungsstelle Die Tür im Auftrag der Stadt Trier umgesetzt wird. Kooperationspartner ist die Klinik Mutterhaus der Borromäerinnen. HaLT - es gibt ähnliche Angebote in fünf weiteren Städten im Land - besteht aus zwei Bausteinen. Der "reaktive Baustein" soll riskant Alkohol konsumierende Jugendliche ansprechen. Der "proaktive Baustein" wendet sich an Erwachsene und Multiplikatoren. r.n.
Infos: www.halt-in-trier.de

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