"Ich wollte Richard nicht weh tun"

TRIER. Überraschung am Ende des dritten Prozesstags gegen ein wegen Misshandlung angeklagtes Ehepaar aus Trier. Die Ehefrau hat gestanden, ihren mittlerweile verstorbenen Sohn monatelang gequält zu haben. Sie habe Hassgefühle gegenüber dem kleinen Richard entwickelt, sagte die 27-Jährige.

Die Videobilder, die am Mittwoch im Saal 230 des Trierer Landgerichts auf zwei Fernsehschirmen gezeigt werden, wühlen auf, gehen an die Nerven. Trotz eines bis auf den letzten Platz gefüllten Zuschauerraums könnte man eine Stecknadel fallen hören, so ruhig ist es im Sitzungssaal. Es ist Ende Februar, drei Wochen vor Richards Tod. Die Videoaufnahmen des Vaters zeigen, wie der damals anderthalbjährige Junge kerzengerade wie ein Zinnsoldat im Wohnzimmer steht, stehen muss. Im Hintergrund: laute Radio- und Fernsehgeräuche. "Ärmchen runter" schreit der Vater plötzlich, als Richard die Arme leicht anwinkelt. Minutenlang harrt das kleine Würmchen so aus, bis er nicht mehr kann und sich hinsetzen will. "Du sollst stehen bleiben. Steh!", raunzt ihn sein Vater im Kommando-Ton an. Richard bleibt stehen, nur das Zittern des kleinen Jungen wird von Minute zu Minute stärker. Erst sind es nur die Ärmchen, später die Beine, schließlich der ganze Körper. "Bleib' bloß stehen", schreit der Vater noch einmal, bevor das Video nach 24 Minuten abrupt abbricht. Horror-Szenen aus einem Trierer Wohnzimmer. Die letzte Videoaufnahmen des kleinen Richard stammen vom 11. März - zwei Tage, bevor ihn sein Vater morgens tot im Kinderbettchen fand. Gestorben an den Folgen einer Infektion, wie die Obduktion ergab. In der nur wenige Minuten langen Videosequenz sitzt Richard auf dem Sofa, als seine Mutter zur Tür reinkommt. Sie hebt Richard rüde auf und trägt ihn aus dem Bild: "Hallo, beweg' dich doch", blafft Michaela ihren Jüngsten an. Ehemann Uwe versucht zu schlichten: "Der ist müde." "Ich bin auch manchmal müde und beweg' mich doch", fährt Michaela ihrem Mann über den Mund. Nicht jeder im Sitzungssaal erträgt solche Szenen. Drei Frauen und ein Herr gehen zwischendurch raus, teils mit Tränen in den Augen. Auch die beiden Angeklagten mögen nicht hinschauen. Dass Michaela zum Zeitpunkt der Aufnahme zwei Gesichter hat, nicht nur die Brutalo-Mutter ist, sondern auch liebevoll sein kann, zeigt eine andere Stelle auf dem Videoband. Da hält sie den kleinen Thomas, Richards älteren Bruder, zärtlich auf dem Arm, herzt mit ihm, streichelt das Kind, macht ihm die Flasche warm. Idylle-Szenen aus einem Trierer Wohnzimmer. Der Sachverständige kann nichts Negatives über Michaela sagen. Ein bisschen minderbegabt sei sie zwar, okay, aber Hinweise auf psychische Störungen gebe es nicht. "Es ist nicht ersichtlich, woher die möglicherweise feindliche Einstellung gegenüber Richard kommt", sagt der Professor. Dass sie ihrem Zweitgeborenen nicht gut gesonnen war, hat Michaela bis gestern geleugnet. "Es gab gute und schlechte Zeiten", sagte sie am ersten Prozesstag, und: "Er war ein Wunschkind." Gestern Nachmittag kurz vor 17 Uhr plötzlich die Wende. Mit Engelsgeduld, ungewohnt einträchtig und einfühlsam helfen Verteidigung, Staatsanwalt und Gericht dem Ehepaar bei seinem Geständnis. "Dann fang' ich mal an", sagt Ehemann Uwe. Irgendwann sei es zwischen seiner Frau und deren Mutter zum völligen Zerwürfnis gekommen. Die Hassgefühle gegenüber ihrer Mutter habe Michaela schließlich auf das Kind projeziert. "Stimmt", flüstert Michaela schließlich. "Ich wollte nicht Richard weh tun, sondern meiner Mutter." Und: "Er war kein Wunschkind." Ihr Mann hielt den Mund, um den häuslichen Frieden nicht zu gefährden, wie er sagt. Der Prozess wird am nächsten Mittwoch fortgesetzt.