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Im Schatten des Hochmoselübergangs: Was denken die Anwohner?

Im Schatten des Hochmoselübergangs: Was denken die Anwohner?

Beim Anblick der größten Brückenbaustelle Deutschlands werden die betroffenen Moselaner von ganz unterschiedlichen Gefühlen gepackt. Die einen sind wütend. Oder haben resigniert. Andere freuen sich auf den Megabau und haben Ideen, wie man ihn touristisch nutzen könnte. Ein Nachmittag in Zeltingen-Rachtig.

Lautlos fliegt der Betrachter über die neue B 50, dann über die Brücke, gleitet an Sportwagen, Reisebussen und LKW vorbei, schwenkt plötzlich nach links über das Geländer hinweg auf den Abgrund zu und fühlt beim schwindelerregenden Anblick der Tiefe die enormen Ausmaße dieses Bauwerks: 160 Meter hoch, 1,7 Kilometer lang, das größte Brückenbauprojekt Deutschlands. In der Animation, die Besucher auf der offiziellen Internetseite zum Hochmoselübergang zu einem Brückenflug einlädt, ist die Verbindung zwischen Eifel und Hunsrück bereits fertig.

Doch geht es bei diesem Bauprojekt um mehr als nur eine Brücke. Ziel ist eine Fernverbindung, die von den Seehäfen Belgiens und Hollands auf möglichst direktem Weg ins Rhein-Main-Gebiet führt. Was dazu noch fehlt, sind die etwa 30 Kilometer, an denen derzeit gebaut wird. Die Planungen dafür begannen bereits 1968. Doch obwohl die Brücke ihre Schatten nun schon seit Jahrzehnten vorauswirft, wird es mindestens 2016, ehe sie tatsächlich über die Weinberge des Moseltals wandern werden - und dabei sehr nahe an die Ortsgrenze von Zeltingen-Rachtig heranreichen.

Während die Gegner des Megaprojekts lautstark weiter mahnen, warnen, protestieren, liegt über dem Moselort dörfliche Ruhe. Was denken die Menschen dort? Sie werden künftig mit der Brücke leben. Ob sie wollen oder nicht. Sie werden von ihren Gärten aus auf die gewaltigen Betonpfeiler blicken, aber auch schneller zum Flughafen Hahn kommen. Sind sie wütend? Haben sie resigniert? Ist ihnen die Brücke egal? Oder freuen sie sich vielleicht sogar darauf? Ein nachmittäglicher Spaziergang durch Rachtig soll Einblicke liefern.

Die ersten Häuser liegen nur wenige Hundert Meter von den bereits planierten, fabrikhallengroßen Standorten der Brückenpfeiler entfernt. Im Sonnenschein fährt ein Winzer dort mit einem schmalen Spezialtraktor durch seinen Weinberg. Erst war er gegen den Bau. Inzwischen ist er jedoch dafür. "Die Belgier sind froh, so schnell an die Mosel kommen zu können", sagt er. Und das sei schon gut für den Ort. Zudem sei er selbst Vielfahrer.
Das müsse gebaut werden. Genauso wie die A 1, findet er - und fürchtet auch nicht, dass sein Land oder sein Wein deswegen an Wert verlieren.

Eine ganz, ganz andere Meinung findet sich ein paar Hundert Meter hinter dem Ortsschild. "Wir brauchen die Brücke nicht", sagt ein vielleicht 40-jähriger Mann, der soeben einen Anhänger vom Trecker abspannt und wie andere Rachtiger nicht namentlich in der Zeitung auftauchen will. Er klingt entschieden. Er klingt verbittert. Auf der nahe gelegenen Terrasse sitzen seine Eltern mit Schwiegertochter und Enkeln im Schatten des Hauses. Sie alle haben die gleiche Meinung: Die Brücke verunstaltet das Moseltal, sie schadet dem Ort und sie entwertet den familieneigenen Weinberg. "Wir haben uns so viel gewehrt", sagen sie. Schon vor 20 Jahren hätten sie die Petitionen unterschrieben. Sie hätten grün gewählt. Genützt hätte es nix. "Et kimmt", sagen sie und geben "dem Beck" Schuld und "dem Hering".

Eine Straßenbiegung weiter bringt eine Frau gerade den Müll raus. Und, was hält sie von der Brücke? "Kann man es verhindern?", lautet ihre rhetorische Gegenfrage.

Da sie zwei Familienmitglieder hat, die am Hahn arbeiten, kann sie dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnen. "Aber der Berg oben ist total zerstört", sagt sie und blickt empört in die Richtung, wo Bautrupps am Ende einer extrem steilen und kurvigen Baustellenzufahrt derzeit am sogenannten "Widerlager Hunsrück" arbeiten.

Dort werden später die Bleche zusammengeschweißt, die als Stahlüberbau vom Hunsrück aus über die Mosel auf die nacheinander entstehenden Brückenpfeiler geschoben werden sollen.

Ähnlich wütend auf die Naturzerstörung ist auch eine ihrer Nachbarinnen. Sie kann sich noch gut daran erinnern, dass sie damals vor 40 Jahren - jedenfalls war sie noch nicht verheiratet - Plakate gegen die Brücke gemalt hat, die dann vorne an den Traktor montiert und durch den Ort gefahren wurden. "Wir brauchen und wir wollen diese Brücke nicht", sagt die Frau. Sie ist überzeugt, dass 90 Prozent ihrer Dorfmitbewohner den Bau auch als hässliches Monstrum empfinden. Der weitere Rundgang zeigt jedoch, dass andere das ganz anders sehen.

"Die meisten haben sich damit abgefunden", sagt Inge Roth, die am kunstvoll gestalteten Pflaster ihrer Hofeinfahrt arbeitet. Die Rebellion bringe nichts mehr. Verhindern könne man es ja eh nicht - wo doch schon so viel Geld verbaut wurde.

Tatsächlich haben Zubringer, Brücken, Straßen, Kreisel & Co. jetzt schon 123,6 Millionen Euro gekostet. Weitere 137 Millionen Euro sind nach Auskunft des Innenministeriums zudem bereits vertraglich gebunden. Die Gesamtkosten hatte das Land bis 2011 mit 330 Millionen Euro beziffert. Inzwischen sind daraus mehr als 360 Millionen Euro geworden.

Und die Projektgegner fürchten, dass es deutlich mehr werden könnte.

"Jeder möchte schnell irgendwohin kommen, aber keiner will so etwas vor der Nase haben", sagt Inge Roth und lacht plötzlich: Im Urlaub plane man ja manchmal Umwege, nur um gigantische Bauwerke zu sehen.

Auch Iris Junglen, die gerade vom Metzger kommt, findet, man müsse einfach das Beste aus der Brücke machen. Manfred Schmitz, Chef des Hotels Deutschherrenhof, hat sogar sehr konkrete Ideen, was das sein könnte: Er will, dass die Brücke zur Touristenattraktion wird. Ein Aufzug soll Gäste zu einer unterhalb gelegenen Aussichtsplattform bringen, die auch über ein Restaurant verfügt.

Von dort aus könnte dann auch Bungeespringen angeboten werden. Oder sogar Paragliden. Zudem würde sich Schmitz einen Fußgänger- und Radweg wünschen, der nach Ürzig führt. Und er fordert, dass die Brücke einen Namen bekommt. "Zeltinger Himmelreichbrücke". Das wäre weltweite kostenlose Werbung. All das habe er 2011 auch dem Land geschrieben - und keine Reaktion erhalten.

Auf dem nahe gelegenen Dorfplatz spielen neun Männer Boule. Die meisten sind im Rentenalter. "Wir sind dafür. Alle", sagt einer von ihnen und blickt in die Runde. Die anderen nicken. Denn sie sehen auch Vorteile der Brücke: Für das Moseltal, durch das künftig nicht mehr so viel Fernverkehr rollt.

Für die Autofahrer, die so schneller vorankommen. Für die Jugend, die so vielleicht auch etwas weiter entfernt liegende Arbeitsstellen annehmen kann.

Auch Helene Roth und Anja Ochsenfeld, die bei einem Plausch am Gartenzaun stehen, sagen: "Uns stört das nicht" - obwohl die Brücke auch von ihren Häusern aus zu sehen sein wird. "Ich fahre viel Auto und werde die Erste sein, die die Brücke nutzt", sagt die eine - und glaubt, dass auch die heutigen Gegner die neue Strecke wählen werden. Ganz einfach, weil die ihnen Berechnungen des Landes zufolge 18 Minuten Fahrtzeit erspart. "Wenn das Ding gebaut ist, kräht da kein Hahn mehr nach", sagt die andere - und freut sich auf das Ende der ewigen Diskussion.

Bis es so weit ist, werden allerdings wohl noch Jahre vergehen. In der 2. Jahreshälfte soll zunächst einmal mit der Gründung der gewaltigen Pfeiler begonnen werden, auf denen später jene Straße ruht, die in der Animation bereits unter dem Betrachter hinweggleitet - in 160 Metern Höhe, wo derzeit nur Vögel das Moseltal queren.