Immer öfter erbt das Land

Soziales : Immer öfter erbt das Land

Mehr als zwei Millionen Euro haben Bürger dem Fiskus im Jahr 2017 hinterlassen. Viele Verstorbene waren allerdings hoch verschuldet.

460 Mal hat das Land Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr Immobilien, Grundstücke und Hausrat geerbt. Von Menschen, die keine Erben hatten. Oder – und das passiert laut Mainzer Finanzministerium deutlich häufiger – von Menschen, die derart verschuldet waren, dass ihre Ehepartner oder Kinder das Erbe nicht antreten wollten. Dennoch ist zuletzt erstaunlich viel Geld zur freien Verwendung im Staatshaushalt gelandet: 2,1 Millionen Euro blieben nach Abzug der Kosten im Jahr 2017 übrig. Die Personalausgaben sind da allerdings nicht eingerechnet. Und Finanzbeamte haben mit dem Erbe extrem viel Arbeit: Sie müssen Haushalte auflösen lassen, mit Gläubigern verhandeln, für den Winterdienst sorgen, Grundstücke sichern und bei Bedarf von Altlasten befreien, Immobilien verkaufen oder gar abreißen lassen.

Die Zahl dieser sogenannten „Fiskalerbschaften“ ist stark gestiegen. „Sie hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verfünffacht“, teilt das Ministerium mit. Der Staat kann das Erbe nicht ausschlagen. Er muss sich damit auseinandersetzen.

Gleich mehrere Ursachen für die Entwicklung nennt das Ministerium: Generell gibt es den Trend, dass immer mehr Deutsche überschuldet sind, das zeigt auch die Zahl der Privatinsolvenzen, die in den vergangenen 20 Jahren stark gestiegen ist.  Bei vielen Älteren kommt Folgendes hinzu: Oft deckt das Pflegegeld nicht die Kosten des Pflegeheims. „Das betrifft vor allem Frauen, die nicht voll berufstätig waren und eine niedrige Rente bekommen“, sagt Willi Jäger, Vorsitzender des Sozialverbands VdK Rheinland-Pfalz. Der Staat springe zwar ein, aber zuerst werde das Vermögen herangezogen. „Am Ende bleibt wenig bis nichts übrig, und es lohnt sich für Nachkommen nicht, die Erbschaft anzunehmen.“

Ohnehin sind laut Statistischem Bundesamt 16,5 Prozent der Deutschen armutsgefährdet. Das gilt ganz besonders für Frauen über 65, die zu mehr als 20 Prozent von Armut bedroht sind.

„Ferner fallen dem Fiskus immer mehr Immobilien zu“, teilt das Haus von Doris Ahnen mit. Auch dies hat mehrere Ursachen. So bluten ländliche Regionen langsam aus. Junge Menschen wollen vor allem in die Städte, und so finden sich in Dörfern fernab der luxemburgischen Grenze nur mit Mühe Käufer. Die Immobilienpreise sinken so sehr, dass sie oft nicht ausreichen, um die Schulden des Verstorbenen zu tilgen. Und weil Immobilien in strukturschwachen Regionen so wenig wert sind, scheuen viele Hausbesitzer zudem vor teuren Renovierungen zurück, so dass das Land am Ende eine „Schrottimmobilie“ erbt.

Die Geschäftsstelle des Gutachterausschusses, die die Entwicklung von Grundstückswerten beobachtet, bestätigt diese Entwicklung für weite Teile der Region Trier. Es sei deutlich zu spüren, dass Immobilien in schwach besiedelten Gegenden weniger Wert werden.

Während die Preise in Schweich, in Trier oder an der Obermosel durch die Decke gehen, sieht es in vielen kleinen, entlegenen Dörfern von Eifel und Hunsrück ganz anders aus. Oft sei dort der eigentliche Sachpreis eines Hauses, der sich aus Alter, Zustand, Größe und Bodenwert berechnet, auf dem Markt bei weitem nicht mehr zu erzielen. Das macht es für den Fiskus umso schwieriger, geerbte Immobilien loszuwerden. Manchmal bleibt in solchen Fällen bloß der Abriss.

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