Inklusion an Schulen: Tut mehr für behinderte Kinder! (Video)

Inklusion an Schulen: Tut mehr für behinderte Kinder! (Video)

Immer mehr Schüler mit Beeinträchtigungen besuchen normale Klassen. Das Land feiert das als Erfolg, doch Eltern und Lehrer schlagen Alarm: So gelingt Inklusion nicht. Wie aber dann?

Als Valentina vor vier Jahren einen Platz in der Trierer Ausonius-Grundschule bekam, war Cristina Segler überzeugt, für ihre behinderte Tochter die bestmögliche Lösung gefunden zu haben: Sie würde in einer ganz normalen Schule unter ganz normalen Kindern lernen. Zunächst funktionierte das prima, doch dann wurden die Förderlehrerstunden der Schule drastisch gekürzt. Nun, am Ende von Valentinas Grundschulzeit, bilanziert Segler: "Ich würde Valentina heute in eine Förderschule schicken, denn dort sind die Kinder in ihrem Alter deutlich weiter."

VOLKSFREUND-MULTIMEDIAPROJEKT: INKUSION

Fehlende Förderlehrerstunden seien ein landesweites Problem, sagt Sylvia Sund, Sonderpädagogin aus Zemmer (Kreis Trier-Saarburg) und stellvertretende Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW in Rheinland-Pfalz. Das Land verändere immer wieder den Schlüssel, nach dem es Schulen Förderlehrer zuweise. "So wurden kontinuierlich Stunden gekürzt", sagt Sund.

Die Zahl der Förderkinder an normalen rheinland-pfälzischen Schulen steigt laut Bildungsministerium Jahr für Jahr - von 23 Prozent 2011/2012 auf 31 Prozent im heute endenden Schuljahr. Damit besuchten 6621 von 21.071 Förderkindern normale Schulen. 860 Förderlehrer und pädagogische Fachkräfte waren dort eingesetzt.
Während Ministeriumssprecher Henning Henn die Inklusion auf einem guten Weg sieht, kritisiert die GEW: "Der Anspruch an inklusive Bildung ist mit den zur Verfügung gestellten Finanzmitteln nicht in Übereinstimmung zu bringen." Inklusion gehört zu den wichtigsten bildungspolitischen Zielen, seit Rheinland-Pfalz 2009 mit der Umsetzung einer UN-Konvention begonnen hat, die das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern zum Standard erklärt. Eltern sollen frei wählen können, ob Kinder mit besonderem Förderbedarf an einer Förderschule unterrichtet werden oder an einer normalen Grund- oder weiterführenden Schule.

Nicht nur in Rheinland-Pfalz gibt es Kritik an der Umsetzung der Inklusion: In Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben unhaltbare Zustände an Schulen mit über die Abwahlen der SPD-geführten Landesregierungen in diesem Frühjahr entschieden. In Hamburg hat sich eine Volksinitiative formiert, die innerhalb von drei Monaten 25.000 Unterschriften für eine bessere Umsetzung von Inklusion in Schulen gesammelt hat. Valentinas Klasse besuchen zwei weitere Integrationskinder. Förderlehrerin Ruth Forster-Kruskop, die mit der Klassenlehrerin zusammen alle 17 Schüler voranbringen soll, kommt an drei Tagen für jeweils drei Schulstunden. "Eine kontinuierliche und individuelle Förderung ist damit nicht machbar", sagt sie. Um die knappe Zeit für die Förderkinder möglichst gewinnbringend zu nutzen, werden sie oft aus der Klasse herausgenommen und gesondert unterrichtet - genau das Gegenteil von Inklusion. GEW-Frau Sund berichtet, immer mehr Inte8grationskinder wechselten inzwischen an Förderschulen. "Wenn das kein Indiz dafür ist, dass etwas nicht stimmt, dann weiß ich es nicht."
Cristina Segler hat ihre Ganztagsstelle in Luxemburg aufgegeben und sich einen Halbtagsjob in Trier gesucht. Sie lernt nun jeden Nachmittag mit Valentina - um, wie sie sagt, aufzufangen, was die Schule nicht mehr leisten kann.Info

Schwerpunktschulen in der Region

44 normale Schulen mit Förderschwerpunkt gibt es in der Region:

Trier: fünf Grund-, fünf weiterführende Schulen;
Trier-Land: drei Grund-, zwei weiterführende Schulen;
Bitburg-Prüm: drei Grund-, zwei weiterführende Schulen;
Bernkastel-Wittlich: fünf Grund-, fünf weiterführende Schulen;
Vulkaneifel: zwei Grund-, zwei weiterführende Schulen (Quelle: Bildungsserver Rheinland-Pfalz)Meinung

Inklusion darf nicht scheitern - Schulen brauchen vernünftige Bedingungen

Eine Schwerpunktschule unterrichtet seit Jahren mit Engagement und Erfolg behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam. Dann führt die Landesregierung eine Inklusionspolitik ein - und kürzt in den Folgejahren so viele Förderstunden, dass ein differenzierter, gemeinsamer Unterricht, der alle Kinder voranbringt, kaum noch möglich ist: Das Beispiel der Trierer Ausoniusschule zeigt die Absurdität der rheinland-pfälzischen Inklusionspolitik.

Wenn eine Schule mit inklusionserprobtem Konzept und Kollegium schon Probleme hat, ihre Schüler mit den zur Verfügung stehenden Förderstunden angemessen zu unterrichten - wie soll das erst den vielen neu hinzugekommenen Schwerpunkt- und Regelschulen gelingen, die ihre Konzepte erst noch erarbeiten und alle Kollegen mit ins Boot holen müssen?

Inklusion hat zu Recht hohe Priorität in der Bildungspolitik: Kinder mit und ohne Behinderung und letztlich die gesamte Gesellschaft profitieren von einem rücksichtsvollen, unbefangenen Miteinander.

Doch die Wahlfreiheit für Eltern behinderter Kinder darf nicht bedeuten, dass sie zwischen sozialer Integration an einer Schwerpunkt- oder Regelschule einerseits und angemessener Bildung an einer Förderschule andererseits entscheiden müssen. Ihre Kinder brauchen beides!

Damit das gemeinsame Lernen gelingen kann, müssen Schulen vernünftig ausgestattet werden. Sonst überlegen sich Eltern künftig zweimal, ob sie für ihr Förderkind eine normale Schule wählen sollen. Schwupps - sinkt die Inklusionsrate, und die Verfechter eines streng differenzierten Schulsystems unken: Inklusion ist gescheitert. Das wäre so schade!
i.kreutz@volksfreund.de

Ein Multimedia-Projekt zum Thema finden Sie unter www.volksfreund.de/inklusion