Interview mit Landesgesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler

Kostenpflichtiger Inhalt: Gesundheit : „Wir sollten Ältere nicht unterschätzen.“

Die Landesgesundheitsministerin traut Senioren den Umgang mit Telemedizin zu und spricht über ihre Zeit als Rentnerin.

(flor) Telemedizin breitet sich künftig in der ärztlichen Versorgung stärker aus. Davon ist die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) im Interview mit TV-Redakteur Florian Schlecht überzeugt, in dem sie über den Wandel, Gefahren und ein Projekt in der Eifel spricht.

Wie stellt sich die Patientin Sabine Bätzing-Lichtenthäler ihre ärztliche Versorgung in 40 Jahren vor?

Sabine Bätzing-Lichtenthäler: Ich werde von meinem kleinen Dorf mit dem Bürgerbus gut sieben Kilometer in die nächstgrößere Stadt fahren und dort in einem Ärztehaus bei alltäglichen Gebrechen versorgt. Falls ich bis dahin Diabetes oder Rheuma habe, sitze ich mit meinem iPad in meiner Senioren-WG und kann darüber meine gesundheitlichen Daten zu den Fachärzten schicken.

Das klingt – gemessen am Hier und jetzt – immer noch nach einem revolutionären Wandel. Werden Sie damit keine Probleme haben?

Bätzing-Lichtenthäler: Mir als Patientin in 40 Jahren bereitet das Szenario keine Angst. Ich werde das dann gewohnt sein.

Als Gesundheitsministerin haben Sie die undankbare Aufgabe, den Übergang in diese Zeit zu moderieren, die heute mit vielen Sorgen verbunden ist. Wie wollen Sie das schaffen?

Bätzing-Lichtenthäler: Auch als Ministerin machen mir die Gedanken an die Zukunft keine Angst. Es ist aber in der Tat wichtig, den Wandel zu begleiten – mit guten Beispielen, die wir im Land in der Telemedizin bei der Versorgung von Schlaganfällen, Asthma, Herzinsuffizienz und Psychotherapie haben. Ich finde: Versorgung kann umstrukturiert werden, darf aber nicht ersatzlos wegfallen. Wenn es den klassischen Dorfarzt nicht mehr gibt, braucht es halt die Gemeinschaftspraxis in der Nähe. Wenn der Hausarzt nicht mehr zu jedem Termin rausfahren kann, muss er künftig ausgebildete Assistenzkräfte rausschicken. Wo der Facharzt viele Kilometer entfernt ist, müssen wir künftig eine telemedizinische Anbindung anbieten. Das muss uns gelingen. Dazu braucht es aber alle Beteiligten im Gesundheitswesen. Ganz alleine moderieren kann Politik den Wandel nicht.

Sitzen nicht alle gesundheitspolitischen Akteure bei diesem Wandel im Boot?

Bätzing-Lichtenthäler: Ich würde keinen Bremser identifizieren, es hat in den letzten Jahren mehr Bewegung gegeben. Wenn wir früher mit der Kassenärztlichen Vereinigung über Medizinische Versorgungszentren, mit der Ärztekammer über die Delegation von ärztlichen Aufgaben oder mit den Krankenkassen über Telemedizin gesprochen haben, war das fast Teufelswerk. Heute ist das zum Glück anders. Wir haben Versorgungszentren wie in Bitburg, und viele Ärzte sind froh, wenn sie Aufgaben delegieren können.

Wo wartet nun die größte Hürde?

Bätzing-Lichtenthäler: Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir vieles parallel angehen müssen, Strukturen aber erst wachsen müssen. Wir wollen die volle Bandbreite in jedem Dorf, können aber nicht so lange mit der Telemedizin warten, bis sie überall auf volle Geschwindigkeit aufgebaut ist, sondern müssen sie dort umsetzen, wo es schon möglich ist. Gleichzeitig müssen wir Ärzte in die neuen Strukturen einbinden und Sektorengrenzen überwinden. Das sind alles Riesen-Herausforderungen.

Das Land will in Pilotregionen wie Eifel, Westerwald und Pfalz erste Hausarzt-Praxen mit Telemedizin ausstatten. Wann werden die ersten Ärzte per Video-Chat in die Wohnzimmer geschaltet?

Bätzing-Lichtenthäler: Im besten Fall gar nicht, weil es ausgebildete Assistenzkräfte gibt, die zu den Patienten fahren. Der Video-Chat mit dem Arzt soll immer eine Absicherung sein. Mein Ziel ist, dass wir Anfang 2020 den Startschuss dafür geben. Demnächst haben wir die ersten Info-Veranstaltungen in vier Regionen. Vorher ging das nicht, weil die Kreistage sich nach den Kommunalwahlen neu konstituiert haben. Wir starten die Projekte, wenn sich fünf bis höchstens zehn Praxen aus den Regionen beteiligen.

Wie groß ist die Nachfrage bislang?

Bätzing-Lichtenthäler: Ich spüre, dass es Interesse gibt. Gerade im ländlichen Raum hören wir von immer mehr Ärzten, dass es schwerer wird, die Hausbesuche in den Praxis-Alltag zu integrieren und sie nach Entlastung suchen. Gleichzeitig hören wir von Patienten, dass sie schon noch gerne einen Doktor sehen wollen. Das Projekt mit der Telemedizin gibt dann eine Sicherheit – weil beides möglich ist.

Akzeptieren Patienten, die einen Arzt sehen wollen, wirklich Assistenzkräfte mit Technik-Köfferchen?

Bätzing-Lichtenthäler: Bei den Assistenzkräften ist die Akzeptanz da, das zeigt eine wissenschaftliche Evaluation. Wenn jemand zu den älteren Menschen kommt,  regelmäßig auf das offene Bein guckt und es ihnen nutzt, nehmen sie veränderte Strukturen an. Wir sollten die ältere Generation nicht unterschätzen.

Wie bringt man Telemedizin Patienten nahe, die Handy-Muffel sind?

Bätzing-Lichtenthäler: Es gibt sicher noch totale Nonliner, sie werden aber weniger. Das merke ich in der eigenen Familie: Meine Mama ist 75 und hat WhatsApp, worüber ich am meisten mit ihr kommuniziere. Sogar mein Papa, der Anstreicher war, nie im Leben mit Computern gearbeitet hat und immer von neumodischem Kram gesprochen hat, freut sich inzwischen, wenn er über das Smartphone Fotos von den Enkelchen bekommt. Natürlich werden auch Hausärzte gefordert sein, älteren Menschen die Möglichkeiten nahezubringen und sie ihnen zu erklären. Und es braucht seniorenfreundliche Hardware, mit großen Tasten und wenigen Apps, die leicht zu bedienen ist.

Telemedizin birgt auch das Risiko sozialer Isolation. Das kann doch nicht das Ziel sein?

Bätzing-Lichtenthäler: In vielen Dörfern gibt es leider auch keine Kneipen, Supermärkte und Banken mehr. Das Gesundheitssystem kann Vereinsamung nicht aufhalten. Wir schauen aber nicht weg, sondern müssen Einsamkeit im sozialen Bereich verhindern.  Die Gemeindeschwester plus, die sich in vielen Orten des Landes um Ältere kümmert, hat die größte Aufgabe, die Menschen aus der Vereinsamung zu holen und mit ihnen zu reden. Es braucht aber auch aktive Nachbarschaften, lebendige Dörfer und ein reges Ehrenamtswesen, das gute Angebote für Senioren schafft. In Rheinland-Pfalz sind wir da zum Glück weit vorne.

Die Breitbandversorgung ist in vielen Teilen von Eifel, Hunsrück und Westerwald ein Desaster. Scheitert daran die Telemedizin?

Bätzing-Lichtenthäler: Nein. Wir müssen zwischen den Anwendungen unterscheiden, die Patienten nutzen: Wenn ich normale Vital-Parameter – wie den Blutdruck – an eine Praxis schicke, reicht das mit den momentanen Bandbreiten völlig aus. Brauche ich nach einem Schlaganfall eine umfängliche Bildgebung mit großen Dateien, mache ich das normalerweise eh nicht vom Küchentisch aus, sondern von der nächstgelegenen Klinik, die die dafür nötigen Internet-Geschwindigkeiten hat. Ich wehre mich gegen den Vorwurf, da gehe nichts. Wir haben als Landesregierung schon die Breitbandversorgung ausgebaut und arbeiten daran, noch bessere Strukturen hinzubekommen.

Warum sollen Patienten ihr Medikament nicht über den Online-Versandhandel bestellen dürfen, wenn die Welt in der Medizin immer digitaler wird?

25.04.2018, Rheinland-Pfalz, Mainz: Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD), Gesundheitsministerin, äußert sich zur aktuellen Debatte über die ärztliche Versorgung auf dem Land. Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++. Foto: dpa/Andreas Arnold

Bätzing-Lichtenthäler: Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium hat sich dafür eingesetzt, dass der Versand verschreibungspflichtiger Medikamente verboten wird. Dabei bleiben wir. Wir brauchen die Apotheken als Berater für die Patienten und können es uns nicht leisten, wenn sie wegbrechen. Lassen wir den Versandhandel auf verschreibungspflichtige Medikamente zu, beraten die Apotheken aber nur noch – und die Menschen kaufen woanders. Da bleibe ich meiner Position treu. Ich erwarte aber, dass die Apotheken offener für die Digitalisierung werden, sich dem E-Rezept nicht verweigern und Rezeptsammelstellen schaffen, von denen aus sie Menschen in abgelegenen Orten mit den verschriebenen Medikamenten per Botendienst versorgen. Auch die Apotheken müssen die Versorgung im ländlichen Raum sicherstellen. Da sind sie in der Bringschuld.

Mehr von Volksfreund