Irritationen über die wirkliche Höhe des Schuldenbergs am Nürburgring

Irritationen über die wirkliche Höhe des Schuldenbergs am Nürburgring

Die Zahl ist schockierend. In dem Bericht zum "Insolvenzverfahren Nürburgring GmbH" ist auf Seite 48 von Gläubigerforderungen in der Höhe von 1,871 Milliarden Euro die Rede. Verfasst hat das Schriftstück der Ring-Sachwalter Jens Lieser.

Nürburgring. Seitdem der Insolvenzbericht durchgesickert ist, sorgt er am Nürburgring für Aufregung. Ist die frühere, nahezu landeseigene Besitzgesellschaft weitaus höher verschuldet als bisher bekannt? Trägt der Nürburgring eine milliardenschwere Hypothek auf seinen Schultern? In diesem Fall könnte auch dem rheinland-pfälzischen Landeshaushalt Gefahr drohen - in einer beängstigenden Dimension.
Doch ganz so dramatisch liegt der Fall nicht, wie ein genauerer Blick in das umfangreiche Zahlenwerk zeigt. Denn im Kern geht es um die bekannten 330 Millionen Euro, mit der die Nürburgring GmbH in der Kreide steht. In Wahrheit sind es sogar nur 325 Millionen Euro, die in dem Insolvenzbericht veranschlagt werden. Dabei handelt es sich um den berühmten ISB-Kredit. Mit diesem hatte die landeseigene Investitions- und Strukturbank den Nürburgring gestützt. Die insolvente Nürburgring GmbH kann den Kredit seit Sommer 2012 nicht mehr bedienen. Das Land musste einspringen.
Da nichts, was mit dem Eifelkurs zu tun hat, einfach ist, folgt auch hier eine etwas komplexere Rechnung. Zu den 325 Millionen Euro kommt noch eine satte Kreditvorfälligkeitsentschädigung, die auch jeder Häuslebauer zahlen muss, wenn er vorzeitig aus einem Kredit aussteigt. Dazu addiert werden Kosten für entgangene Zinsgeschäfte und weitere finanzielle Belastungen, die dar-aus resultieren, dass eine Landesgesellschaft einen dreistelligen Millionenkredit nicht mehr bedienen kann. Insgesamt wächst die Hauptforderung auf diese Weise auf 437 Millionen Euro an. Doch damit ist die Milliardensumme noch nicht erklärt.
Die beiden Ring-Sanierer Jens Lieser und Thomas B. Schmidt haben bereits vor geraumer Zeit darauf hingewiesen, dass die horrenden Gläubigerforderungen keiner realen Belastung entsprechen. Das hat folgenden Grund: Nicht nur die ISB hat Ansprüche, sondern auch die Rheinland-Pfälzische Gesellschaft für Immobilien und Projektmanagement mbH (kurz: RIM). Beide sind in Gesamtgläubigerschaft, werden aber aus verfahrenstechnischen Gründen jeweils einzeln aufgeführt. Das heißt nicht, dass beide einen realen Anspruch von je 437 Millionen Euro haben. Diese Summe beschreibt das, was ISB und RIM maximal gemeinsam erlösen können.
Warum im Insolvenzbericht von 1,87 Milliarden die Rede ist, erklärt das letzte Detail. Denn ISB und RIM sind der Meinung, dass ihre Forderungen im normalen Rang bedient werden müssen, also gleichrangig mit allen anderen Gläubigern. Die Sanierer indes sind der Ansicht, dass sie nur nachrangig zum Zuge kommen, also nach allen anderen, die beim Insolvenzverfahrens noch Geld verlangen. Damit ihnen aber auf gar keinen Fall Geld entgeht, haben RIM und ISB ihre Forderungen in beiden Rängen angemeldet - also jeweils doppelt. Folglich ist eine Summe, die nur einmal ausgezahlt werden kann, vierfach aufgeführt. Multipliziert man die 437 Millionen Euro mal vier kommt man bereits auf 1,748 Milliarden Euro. Die übrigen 123 Millionen Euro, die bis zu der Ausgangssumme von 1,871 Milliarden Euro fehlen, speisen sich aus Nachrangdarlehen des Landes (rund 83 Millionen Euro), Rückforderungsansprüchen wegen der Formel 1-Finanzierung und der Tourismusförderung (gut 20 Millionen) sowie Ansprüchen aus offenen Rechnungen diverser Firmen und Handwerker.
Interessante Passagen


Zieht man einen Strich unter diese Rechnung, haben die zunächst erschreckend hohen Forderungen also vor allem verfahrenstechnische Gründe.

Der Insolvenzbericht enthält weitere interessante Passagen. Alle Werte des Rings (Rennstrecken, Bauten, Grundstücke, Barbestände und Unternehmensbeteiligungen) werden auf gut 98 Millionen Euro beziffert (Aktiva). Dem stehen Verfahrenskosten, Verbindlichkeiten und Insolvenzforderungen von 353 Millionen Euro gegenüber (Passiva). Da klafft eine Lücke von mehr als 250 Millionen Euro.
Auf Seite 20 ist davon die Rede, dass die Kartbahn am Ring auf Dauer nicht mit gasbetriebenen Karts laufen kann. Ansonsten kommt zu viel Kohlenmonoxid in den Halleninnenraum. Daher fehlt auch eine Baugenehmigung. Es muss auf Elektrokarts umgerüstet werden. Die neuen Flitzer sind angeblich bereits geordert.
Zum immer noch stillstehenden Ring-Racer, der Achterbahn im Freizeitpark, ist inzwischen Klage gegen die US-Herstellerfirma S & S Worldwide eingereicht worden. Allein der Vertragsstrafenanspruch wird mit 560 000 Euro angegeben. Vom Schadensersatzanspruch nicht zu reden.

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