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Jeden Tag in Grenzsituationen - Von der Arbeit in regionalen Behinderteneinrichtungen

Jeden Tag in Grenzsituationen - Von der Arbeit in regionalen Behinderteneinrichtungen

Wie Mitarbeiter in Behinderteneinrichtungen mit den Herausforderungen ihres Jobs umgehen. Konsequenzen nach Vorfällen in Speyer.

Wenn Stefan Peters am Wochenende zu Hause ist, dann fragt er schon am Samstag, wann er wieder zurück kann. Zurück in das Wohnheim der Lebenshilfe in Konz. "Das ist seine Welt, da hat er seine Freunde", sagt Martin Peters, Vater des 33-Jährigen. Sein Sohn ist geistig behindert und lebt und arbeitet von montags bis freitags in der Woche in der Lebenshilfe-Einrichtung. Peters, der Vorsitzender der Vertretung der Eltern, deren Kinder dort betreut werden, ist, sieht im Verhalten seines Sohnes einen Beweis dafür, dass es ihm dort gut geht, dass die rund 300 Mitarbeiter der Lebenshilfe Trier-Saarburg in den fünf Wohnheimen und -bereichen und den Werkstätten, in denen 60 Bewohner arbeiten, einen guten Job machen. Sich um die Menschen, die sie betreuen kümmern und sie nicht misshandeln. So wie in Speyer. In einem Bericht des Fernsehsenders RTL waren Aufnahmen gezeigt worden, die Missstände im Wohnhaus der Lebenshilfe in Speyer zeigten. Zu sehen war unter anderem, wie ein behinderter Mensch als Strafe in sein Zimmer gesperrt wird. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen, Körperverletzung und Freiheitsberaubung.

Er sei betroffen und schockiert über die aufgedeckten Missstände, sagt Bernd Hoellen. Er ist pädagogischer Leiter der Lebenshilfe Trier-Saarburg. Durch den Bericht über die Lebenshilfe-Einrichtung in Speyer stünden alle Einrichtungen der 1958 als Selbsthilfe von Eltern für geistig behinderte Kinder gegründet unter Generalverdacht. Dabei sind die verschiedenen Ortsvereine der Lebenshilfe rechtlich unabhängig voneinander. Die Vorfälle in Speyer zeigten, wie wichtig es ist, zeigt uns mehr denn je, wie wichtig es ist, die hauptamtlichen Mitarbeiter entsprechend zu sensibilisieren, sagt Manju Rouzaud von den Westeifel-Werken, der Behinderteneinrichtung der Lebenshilfen Bitburg, Prüm und Daun. Die Mitarbeiter würden pädagogisch und ethisch geschult, damit sie "sie in ihrem alltäglichen Umgang mit den uns anvertrauten Menschen selbstreflexiv und selbstkritisch handeln und sich untereinander auch auf mögliche Kritikpunkte hinweisen."

Wer mit pflegebedürftigen Menschen arbeite, komme oft in Grenzsituationen und mache auch Erfahrungen mit Gewalt durch Bewohner, sagt Hoellen. "Das ist jeden Tag eine Herausforderung. Trotzdem muss jeder seien Job machen und ihn als Dienstleistung an Menschen verstehen", sagt Michael Gölzer. Er ist hauptamtlicher Vorstand der Lebenshilfe Trier-Saarburg. Die Mitarbeiter würden immer wieder geschult, um mit solchen Grenzsituationen umzugehen. Und zwar so, dass sie sich selbst im Griff haben und ihren Frust, ihren Ärger, über Bewohner nicht an denen auslassen, neutral zu bleiben. "Jeder Einzelne, der bei uns arbeitet, muss seine Schwächen und Stärken kennen", sagt Hoellen. Aber in den Kopf der Mitarbeiter könne man nicht schauen. Daher könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass womöglich doch zu Verfehlungen von Betreuern kommen kann. Trotzdem müssten auch die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter gewahrt werden, sagt Manju Rouzaud, Sprecherin der Lebenshilfe in der Eifel. Daher gebe es keine Videoüberwachung in den Einrichtungen.

"Konsequentes Hinschauen und kontinuierliches Hinterfragen der eigenen Arbeit sind notwendig, um Übergriffe gegenüber Menschen mit Behinderung unmöglich zu machen", sagt Wolfgang Enderle, Vorstand der Lebenshilfe Trier. Bereits bei der Einstellung neuer Mitarbeiter spiele neben der fachlichen Kompetenz auch die persönliche Eignung eine zentrale Rolle spielt. "Denn nur, wenn eine funktionierende Kontrolle im Kollegenkreis existiert und die Mitarbeitenden auf die Bewohner eingehen, können Grenzüberschreitungen und Übergriffe effektiv verhindert werden."

Und dazu gehört laut Hoellen, dass die Mitarbeiter den Mut haben, auch Missstände und Übergriffe durch Kollegen ihren Vorgesetzten zu melden. Denn eine "Kultur des Wegschauens" hat nach Ansicht von Detlef Placzek, Präsident des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung, zu den Vorfällen in Speyer geführt. "Die im Beitrag gezeigten Bilder sind mit der Würde des Menschen nicht vereinbar."

ÜBERPRÜFUNG VON EINRICHTUNGEN
Laut Gesetz berät das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung Behinderteneinrichtungen jährlich. Sofern seit der letzten Beratung "keine wesentlichen Mängel bekannt geworden" seien, erfolge eine Überprüfung in einem Rhythmus von bis zu drei Jahren, sagt eine Behördensprecherin. Lägen Beschwerden vor, erfolge eine umgehende Überprüfung. Im vergangenen Jahr seien 159 Prüfungen durchgeführt worden. Nicht immer ließen sich jedoch Vorwürfe bestätigen. Bei Mängeln komme es häufig dazu, dass vorerst keine Bewohner mehr aufgenommen werden dürfen oder zusätzliches Personal eingestellt werden muss. In der Region Trier seien 2016 in Behinderteneinrichtungen keine Mängel festgestellt worden.