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"Jeder kann Menschenleben retten"

"Jeder kann Menschenleben retten"

Bricht ein Mensch leblos zusammen, ist es nicht nur wichtig, sofort den Rettungsdienst zu rufen. Das Überleben des Patienten hängt in erster Linie davon, ab, dass er schnellstmöglich wiederbelebt wird. Doch oft geschieht das nicht. Aus Unwissen und Angst.

Trier. "Wenn ein Mensch leblos am Boden liegt, kann man nichts mehr falsch machen! Falsch wäre es aber, gar nicht erst zu versuchen, zu helfen", sagt Manfred Schiffer. Er ist Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes. Er weiß, dass viele Menschen Angst davor haben, einem wegen Herzstillstands zusammengebrochenen Patienten sofort mit der Wiederbelebung zu beginnen. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen. Eine unbegründete Sorge, wie Fabian Spöhr, Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin im Brüderkrankenhaus Trier, sagt. "Reanimation ist einfacher als viele glauben. Jeder kann es."
Doch offenbar wissen viele einfach nicht, was sie im Ernstfall tun müssen. Bei einer europaweiten Umfrage des Automobilklubs ADAC und des DRK haben vor drei Jahren fast drei Viertel der deutschen Autofahrer, angegeben, dass sie sich zutrauten, Erste Hilfe leisten zu können. Nur rund 13 Prozent glaubten, dass sie dazu nicht in der Lage wären, etwa 14 Prozent waren unschlüssig. Doch bei der konkreten und richtigen Hilfe hapert es dann oft. 62 Prozent der Befragten haben nicht genau gewusst, wie man den Zustand eines Verletzten überprüft. Auf die Atmung hätten nur rund zwei Drittel geachtet, nach starken Blutungen oder schweren Verletzungen hätten nur noch rund 61 Prozent gesucht. Bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung eines bewusstlosen Verletzten ohne Atmung würden laut ADAC 80 Prozent der befragten Deutschen versagen. Im Praxistest hätten nur rund 57 Prozent der Teilnehmer die Hände für die Herzdruckmassage richtig aufsetzen, etwa 47 Prozent wussten, dass man das Brustbein 30 Mal nach unten drücken muss. Nur unwesentlich mehr Autofahrer hätten bei der Mund-zu-Mund-Beatmung alles richtig gemacht. "Und zuletzt hätten nur rund 37 Prozent der Befragten so lange weitergemacht, bis die Rettungskräfte eintreffen und übernehmen können", heißt es in der Auswertung der Befragung.
Daher fordert der DRK-Landesverband, dass die Autofahrer regelmäßig ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen. "Je regelmäßiger Menschen in einem Kurs üben, praktisch Erste Hilfe zu leisten, desto sicherer fühlen sie sich", sagt DRK-Sprecherin Elisabeth Geurts. Das belegen auch die Ergebnisse der Umfrage. Bei rund 38 der deutschen Teilnehmer lag der letzte Erste-Hilfe-Kurs bereits mehr als zehn Jahre zurück, je älter die Befragten, desto größer der Zeitraum.
Das DRK ist aber nicht nur dafür, dass Autofahrer regelmäßig ihr Wissen regelmäßig auffrischen sollen, sondern vor allem auch Schüler. Daher soll das Thema Wiederbelebung zum Unterrichtsfach werden. "Wir sprechen uns stark dafür aus, dass jede und jeder Erste Hilfe-Grundwissen hat", sagt Geurts.Die Glieder der Rettungskette


Ob ein Patient mit Herzstillstand überlebt, hänge vom Funktionieren der sogenannten Rettungskette ab, sagt Spöhr. Die ersten Glieder dieser Kette (Sofortmaßnahmen und Notruf) beträfen in der Regel den Laien. Sie sind genauso wichtig wie die folgende Glieder: Rettungsdienst und bestmögliche Versorgung im Krankenhaus. Spöhr: "Die Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied." Auch wenn der Rettungsdienst schneller als die gesetzlich vorgeschriebenen zehn bis 15 Minuten eintreffen würde, würde sich dadurch die Überlebenschance beim Herzstillstand nicht verbessern, sagt der Intensivmediziner. Entscheidend sei in solchen Fällen die Soforthilfe in den ersten Minuten. Bereits nach drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff könne das Gehirn unumkehrbar geschädigt werden. Spöhr spricht sich dafür aus, dass jeder Laie alle zwei Jahre seine Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischt.
Bereits 2014 hat die Kultusministerkonferenz, die die Bildungs- und Kulturpolitik der 16 Bundesländer koordiniert, empfohlen, Lehrer schulen zu lassen, damit sie in der Lage sind, ab der siebten Klasse zwei Stunden pro Jahr das Thema Wiederbelebung zu unterrichten. Doch die wenigsten Bundesländer sind bislang dieser Empfehlung gefolgt. In Rheinland-Pfalz gibt es bislang kein flächendeckendes Angebot an weiterführenden Schulen. Das sei mit "mit nicht unerheblichen Kosten verbunden", heißt es aus dem Bildungsministerium. Eine Sprechein verweist, darauf, dass rund 70 Prozent der 40 000 Lehrer im Land in Erste Hilfe geschult seien. Außerdem gebe es in den rund 750 weiterführenden Schulen sogenannte Schulsanitätsdienste. Einige Schüler seien dazu in Reanimation und Erste Hilfe ausgebildet. Es sei geplant gemeinsam mit der Unfallkasse, weitere Schüler entsprechend auszubilden.
In anderen europäischen Ländern ist ein verpflichtender Unterricht zum Thema Wiederbelbung längst selbstverständlich. Etwa in den Niederlanden. Dort liegt die Reanimationsrate durch Laien bei 60 Prozent. In skandinavischen Ländern, wo Wiederbelebung ebenfalls verpflichtend an Schulen unterrichtet wird, beträgt die Rate 80 Prozent. In Deutschland liegt sie zwischen 15 bis 25 Prozent.Extra

Seit gestern läuft bundesweit die Woche der Wiederbelebung. Anlässlich dieser Aktion informieren die Trie rer Berufsfeuerwehr und das Brüderkrankenhaus am Donnerstag, 22. September von 14 bis 18 Uhr, auf dem Kornmarkt in Trier zum Thema "Wiederbelebung durch Laien". Die Besucher können dort unter Anleitung den Ernstfall an Reanimationspuppen üben und einem Notarzt und Mitarbeitern des Rettungsdiensts Fragen stellen. red