1. Region
  2. Rheinland-Pfalz

Jeder zweite Notfall ist keiner

Jeder zweite Notfall ist keiner

Die Ambulanzen in den Krankenhäusern sind völlig überlastet. Die Patienten ärgern sich über lange Wartezeiten. Jetzt gibt es Vorschläge, wie das Problem gelöst werden kann.

Rund 600.000 Patienten werden nach Schätzungen der rheinland-pfälzischen Krankenhausgesellschaft jährlich als ambulante Notfälle in den Kliniken des Landes versorgt. Die Hälfte davon seien aber keine echten Notfälle, die im Krankenhaus behandelt werden müssten. Immer öfter würden Patienten auch "in unkritischen Situationen" die Notaufnahmen der Krankenhäuser in Anspruch nehmen, sagte kürzlich Gerald Gaß, Chef der Krankenhausgesellschaft.

Im Notfall zwei Minuten Zeit

Eine Erfahrung, die auch in den Notaufnahmen der Kliniken in der Region gemacht wird. Allein in den beiden Trierer Großkliniken, Brüderkrankenhaus und Mutterhaus, werden jährlich mehr als 60.000 Patienten in den Notaufnahmen behandelt. Im Brüderkrankenhaus stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 34.100 - ein neuer Höchstwert. Das dortige Notfallzentrum ist das größte in der Region. Im Vergleich dazu ist die Zahl der Fälle in der Notfallambulanz im Saarburger Kreiskrankenhaus - 4700 waren es im vergangenen Jahr - eher gering. Doch die Probleme sind die gleichen. "Der größte Teil sind keine Notfälle, die in die Notfallambulanz des Krankenhauses kommen müssten", sagt ein Krankenhaussprecher.

Häufig sei das an Wochenenden der Fall. Dann also, wenn die Praxen der niedergelassenen Ärzte geschlossen sind. Das führt dazu, dass Patienten in den Notaufnahmen oft stundenlang warten müssen, weil sich die Ärzte zunächst einmal um die Patienten mit lebensbedrohlichen Symptomen kümmern müssen. "Unsere Notfallambulanzen sind total überlastet, obwohl wir in Rheinland-Pfalz einen von den niedergelassenen Ärzten sehr gut organisierten, flächendeckenden ärztlichen Bereitschaftsdienst haben", sagt Günther Matheis, Präsident der Landesärztekammer. Er spricht von einem Anspruchsdenken und -verhalten und einer Flatrate-Manier vieler Patienten, die "alles in kürzester Zeit in Anspruch nehmen" wollten. "Das ist eine Unsitte."

Viele der Patienten in den Notfallambulanzen gehörten dort aus medizinischer Sicht gar nicht hin, sondern zum ärztlichen Bereitschaftsdienst. "Genau diese Menschen verstopfen die Notfallambulanzen und nehmen den wirklichen Notfällen Versorgungszeit weg", ärgert sich Matheis. Zwar befindet sich der ärztliche Bereitschaftsdienst meistens im Krankenhaus, aber er hat mit diesem nichts zu tun. Der ärztliche Bereitschaftsdienst wird von den niedergelassenen Ärzten betreut und soll die medizinische Versorgung sicherstellen, wenn Haus- und Facharztpraxen geschlossen sind. Dunja Kleis, Landesgeschäftsführerin der Krankenkasse Barmer, fordert eine engere Verzahnung zwischen den Bereitschaftsdienstzentralen und den Notfallambulanzen der Kliniken. Niedergelassene Ärzte sollten in einer Notfallpraxis im Krankenhaus entscheiden, wo ein Patient behandelt werden müsse. "Patienten müssen eine zentrale Anlaufstelle haben, von der aus sie weitergelenkt werden", sagte Kleis unserer Zeitung.

Auch Ärztechef Matheis ist dafür, dass es eine "Filterung der Patientenfälle" gibt, "damit tatsächliche Notfälle dort versorgt werden und nichtdringliche Fälle im Bereitschaftsdienst oder beim Hausarzt behandelt werden können". Der Landesleiter der Techniker Krankenkasse, Jörn Simon, spricht von Portalpraxen, die den Notfallambulanzen als zentrale Anlaufstelle von Krankenhäusern bei der Notfallversorgung vorgeschaltet sein sollen.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will solche Praxen per Gesetz in den Kliniken einrichten. Davon hält Eckart Wetzel, Leiter der Notaufnahme des Trierer Brüderkrankenhauses, nicht viel. Die dort tätigen Mediziner müssten entsprechend geschult sein, um echte Notfälle auch zu erkennen. Auch hinter vermeintlich harmlosen Symptomen könnten schwere Erkrankungen stecken, warnt Wetzel. Daher werde auch kein Patient in der Notaufnahme abgewiesen. Unfallchirurg Markus Baake sagt, 40 Prozent aller Patienten, die kämen, seien ernsthaft erkrankt und müssten stationär behandelt werden. Er könne keinem Patienten verübeln, wenn er am Wochenende in die Notaufnahme komme, weil er unter der Woche keine Zeit habe, zum Arzt zu gehen. Allerdings müssten die Kliniken mehr Geld für Notfallpatienten erhalten.