Jetzt wird geholzt!

Immer mehr Kommunen setzen auf Nahwärmenetzwerke, um sich frei von Öl, Kohle und Gas zu machen. Mit Erfolg?

Marc Meurer fuhr bis an den Bodensee, um sich ein Nahwärmenetzwerk anzuschauen, wie es zwei Hunsrück-Orte auf die Beine stellen wollten. Einige Jahre ist das her. Nun sitzt Meurer im rheinland-pfälzischen Umweltministerium, zeigt via Laptop eine Karte der Ortsgemeinden Neuerkirch und Külz (Rhein-Hunsrück-Kreis) und lächelt stolz die Journalisten an.

Wo der Schinderhannes-Radweg entlangführt, da hat sich eine Dorfgemeinschaft entwickelt, die von Öl, Kohle und Gas unabhängig ist. Wärme entsteht dort auf einer Fläche von zwei Handballfeldern durch zwei Holzhackschnitzelkessel und eine Anlage, die Solarenergie umwandelt. Die Wärme landet dann über ein sechs Kilometer langes Netz in fast 150 Haushalten und wandelt sie dort in Strom um.

Auch zwei Schreinereien und ein Bäcker beziehen ihre Wärme aus dem Netz, erzählt Meurer, der weitere Erfolge sieht, wenn es um das Energiesparen geht. Er spricht von 350 000 Liter Heizöl, die beide Gemeinden im vergangenen Jahr eingespart haben. Fünf Millionen Euro kostete das Projekt im Hunsrück, 480 000 Euro steuerte dazu das Land bei.
Ulrike Höfken (Grüne) lobt den Weg. Die Umweltministerin wünscht sich mehr solcher Modelle wie im Hunsrück und will dafür mehr werben. Bis 2030 will das Land unabhängig vom Import fossiler Energien wie Öl und Kohle werden, was auch dadurch gelingen soll, dass der Wärmeverbrauch sinkt - und sich stärker aus erneuerbaren Energien speist. Am besten solchen, die nicht allzu weit von der Haustür entfernt sind. Die Umweltministerin sagt, dass so Arbeitsplätze im Land entstehen, Klimaziele durch saubere Energien eher verwirklicht werden und letzten Endes gar die Terrorfinanzierung gestoppt werde, die sie als unfreiwillige Folge des Ölkaufs sieht.

Auch in der Region Trier gibt es immer mehr Dörfer, die auf ein Nahwärmenetzwerk setzen. Wie der Eifelort Pickließem. Dort kam der Landwirt Theo Densborn auf die Idee, seiner Biogasanlage zusätzlichen Nutzen zu verleihen. Auch hier erzeugen Holzhackschnitzelkessel Wärme, die ein Pufferspeicher sammelt, wenn die Anwohner diese seltener abrufen. Die Wärme versorge 330 Einwohner, Gemeindehaus, Sporthalle, Feuerwehrgerätehaus, die katholische Kirche und Unternehmen. Densborn spricht von gut 200 000 Litern Heizöl, die das Dorf so ersetzt habe. Und von einem Spargeschäft: Berechnet werden 60 Prozent des Heizölpreises, sagt er.

Doch das ist offenbar nicht überall so. Meurer schränkt ein, dass die Menschen vor solchen Projekten abwägten, wie teuer Heizöl sei. "Als wir das Modell im Hunsrück umgesetzt hatten, war es günstig. Wer weiß, ob die Menschen bei einem höheren Preis mitgezogen hätten", betont er.

Auch der Eifeler CDU-Landtagsabgeordnete Michael Billen betreibt auf seinem Hof eine Biogasanlage, die zwölf Haushalte in dem Dorf Kaschenbach versorgt. Er spricht davon, dass in den Anlagen für die Landwirte eine Menge Arbeit stecke. "Zum Glück sind meine Söhne ständig dran, die Maschinen zu warten", sagt er.

Billen hält die Netzwerke für Dörfer tauglich, in denen es Biogasanlagen gibt. Zugleich glaube er nicht, dass solche Projekte eine echte Energiewende einleiten könnten. Denn Maschinen könnten immer mal kaputt gehen. Für den Fall hat Billen mit den Kaschenbachern ausgemacht, dass er die Anlage im schlimmsten Fall mit Flüssiggas speisen wird. "So weit ist es bislang nicht gekommen."

Und auch bei dem Vorzeigeprojekt im Hunsrück haben die Dörfer vorgesorgt, falls die Anlagen die Holzhackschnitzel und Sonne nicht mehr in Wärme umwandeln könnten. Im Notfall greifen sie auf einen Tank mit Heizöl zurück. Für Billen zeigt das: "Unabhängig von Atom, Öl, Kohle und Gas macht uns dieser Weg nicht."MEINUNGChance verpasst

Die Grünen bezeichnen die Wärmewende als einen großen Akzent, den sie im Doppelhaushalt 2017 und 2018 setzen. Doch das Ministerium hat bei der Vorstellung des Konzeptes den ganz großen Wurf vermissen lassen, wie es die Energiewende nun wirklich auf die nächste Stufe heben will. Der Weg, den Austausch von 1000 alten Öfen durch finanzielle Zuschüsse von insgesamt 500.000 Euro voranzutreiben, riecht nach Geldverteilung in Gießkannen-Manier. Jährlich steht mit vier Millionen Euro für die Wärmewende ein Budget bereit, das ohnehin zu knapp bemessen ist, um große Sprünge zu machen. Für die Nahwärmenetzwerke trommeln zu wollen, ist löblich, aber nicht neu, weil die rheinland-pfälzische Regierung diese auch vorher schon gefördert hat. Besonders schade: Bedeckt hält sich das Ministerium bei konkreten Investitionen rund um die Region Trier und die Eifel, die es zugleich als Schwerpunktregion bezeichnet. Der Grund ist eine Wärmestudie, die man erst in einigen Wochen vorstellen will. Warum nicht am Tage des Konzeptes? Die Chance ist vertan! f.schlecht@volksfreund.de