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Kämpferin für die Entfeindung

Kämpferin für die Entfeindung

Für ihr Lebenswerk hat die österreichische Schriftstellerin und Friedensaktivistin Hildegard Goss-Mayr den Versöhnungspreis der Klaus-Jensen-Stiftung erhalten. Die feierliche Überreichung in der Promotionsaula des Priesterseminars geriet zu einer beeindruckenden Lebensbilanz.

Trier. Hildegard Goss-Mayr redet leise, bedächtig, aber eindringlich. Dass sie 76 ist, merkt man vielleicht an der reichen Erfahrung, die aus ihren Worten spricht, nicht aber an ihrem Erscheinungsbild. Die Klarheit und Entschiedenheit, mit der sie bei ihrer Dankesrede in der Promotionsaula ihre Anliegen vertritt, lässt ahnen, dass sie diesen Preis für ihr Lebenswerk eher als Ansporn für weiteres Tun begreift, denn als würdigen Abschluss eines unermüdlichen Einsatzes für den Frieden.Sie klingen auf den ersten Blick fast naiv, ihre Erinnerungen an einzelne Szenen und Momente, die geholfen haben, blutige Konflikte einer Lösung näher zu bringen. Das öffentliche Bild von Krisen- und Konfliktmanagement ist derart geprägt von fieberhaft umherreisenden Chefdiplomaten, Außenministern und UN-Generalsekretären, dass man sich kaum vorstellen kann, dass auch und gerade außerhalb der "großen" Politik entscheidende Weichen für den Frieden gestellt werden.Hildegard Goss-Mayr ist eine solche Weichenstellerin. Der Schweizer Theologe Ueli Wildberger zeichnet in seiner Laudatio die weltweiten Stationen ihrer Friedensarbeit nach: die Aussöhnung mit Polen, mitten im kalten Krieg der 50er Jahre. Der Aufbau gewaltloser Freiheitsbewegungen in den südamerikanischen Diktaturen der 60er und 70er Jahre an der Seite von Dom Helder Camara und Adolfo Perez Esquivel. Wirkung und Einfluss umspannen die Welt

Der erfolgreiche Einsatz bei der "Rosenkranz-Revolution" gegen die blutige Marcos-Herrschaft auf den Philippinen in den 80ern. Die Demokratisierung Madagaskars und der Kampf um Aussöhnung in Ruanda und Burundi in den 90ern.Die Wirkung und der Einfluss dieser leisen Frau, die in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist, umspannen die Welt. "Sie hat den Mut und die Fähigkeit, verfeindete Parteien an einen Tisch zu bringen", sagt Preis-Stifter Klaus Jensen. Aber sie hat auch Widerständler geschult, Zentren zur Verteidigung der Menschrechte gegründet, Friedensmärsche organisiert.Das ist wohl die zentrale Botschaft, die von dieser Preisverleihung ausgehen soll: Gewaltlosigkeit besteht nicht darin, die andere Wange auch noch hinzuhalten. "Gewaltfreiheit ist Geisteshaltung und Methode", sagt Jensen. Will heißen: Es geht nicht darum, etwas hinzunehmen, sondern um die Art, wie man es ändern will.Entsprechend beeindruckend fallen die Beispiele erfolgreicher "Entfeindung" aus, die Goss-Mayr erzählt. Aber auch der Preis wird deutlich, den es kostet, sein Leben im Zentrum von Konfliktherden zuzubringen: "Ich bin ein Mensch wie alle anderen, ich habe oft Angst gehabt."So ganz stimmt das "wie alle anderen" dann aber auch wieder nicht. Neben ihrem aus tiefen christlichen Wurzeln gespeisten Friedens-Einsatz auf vier Kontinenten hat die geborene Wienerin eine glanzvolle Promotion hingelegt und gemeinsam mit ihrem Mann, dem 1990 gestorbenen Friedensaktivisten Jean Goss, zwei Kinder großgezogen. Sie wurde zweimal für den Nobelpreis nominiert und beriet Papst Johannes XXIII. beim vatikanischen Konzil. Wie das alles in einem einzigen Leben unterzubringen war, erzählt die 76-jährige Preisträgerin nicht - jedenfalls nicht am Rednerpult."Neue Feindbilder, gnadenlose Konkurrenz"

"Sie ist bis heute nicht müde geworden, die Fackel weiterzutragen", sagt Laudator Ueli Wildberger. Aber leichter geworden ist es offenkundig nicht. Die Hoffnung, mit dem Aufbrechen der Ost-West-Konfrontation und der Globalisierung rücke die Welt näher zusammen, hat sich nicht erfüllt. "Neue Feindbilder, neue Waffensysteme, gnadenlose Konkurrenz, Gewinn als einzige Maxime" - so fasst Hildegard Goss-Mayr die Lage zu Beginn des neuen Jahrtausends zusammen. Aber auch: "Wir haben hunderte von Möglichkeiten, etwas zu unternehmen."Die Klaus-Jensen-Stiftung unterstützt Projekte der Gewaltprävention, Mediation und Versöhnung im In- und Ausland. Erster Preisträger des Friedenspreises war der israelisch-palästinensische Sender "All for Peace".