Keine Kühe mehr am Himmel

Keine Kühe mehr am Himmel

LUXEMBURG. Der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker will das Großherzogtum zum Haupteinkaufszentrum der Großregion machen. Die Bekämpfung der hohen Inflationsrate sei eines der Hauptziele seiner Regierung in den nächsten drei Jahren, sagte der christsoziale Politiker gestern Nachmittag in seiner mit Spannung erwarteten Rede zur Lage der Nation.

Die Zeiten, in denen im Nachbarland Luxemburg nur Milch und Honig flossen, sind vorbei. In den vergangenen Monaten dominierten auch im bis dato erfolgsverwöhnten Großherzogtum wirtschaftliche Hiobsbotschaften über Firmenschließungen oder Personalabbau die Schlagzeilen. Mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit (rund fünf Prozent) steigen auch die Sozialausgaben, während die staatlichen Finanzreserven bedrohlich schrumpfen. Ist plötzlich also auch das einstige Wirtschafts-Wunderländle auf dem Weg in die Krise? Nein, aber Luxemburg müsse umsteuern, "damit künftige Generationen nicht unter der Last zerbrechen, die wir ihnen aufbürden", sagte gestern Nachmittag Premierminister Jean-Claude Juncker im Parlament. Mehr als zwei Stunden lang schwor der christsoziale Regierungschef seine Landsleute auf die anstehenden Änderungen in den verbleibenden drei Jahren bis zum Ende der Legislaturperiode ein. "Wir brauchen einen Politikwechsel, keinen dramatischen, aber einen konsequenten", sagte Juncker. Eines der von dem Politiker ausgemachten Hauptprobleme Luxemburgs: die hohe Inflation. "Die müssen wir stoppen, auch wenn es Anstrengungen bedeutet." So müssten Staat und Kommunen künftig bei der Festlegung von öffentlichen Tarifen, Preisen oder Steuern äußerste Zurückhaltung üben, forderte der Regierungschef. Dass in Verträgen zwischen staatlichen Stellen und Unternehmen vereinbarte Preise automatisch steigen, werde es künftig nicht mehr geben, sagte der Regierungschef. "Das war bislang so und ist jetzt vorbei." Apropos Preise: Obwohl das Großherzogtum mit 15 Prozent den niedrigsten Mehrwertsteuersatz in der gesamten EU habe und damit beste Voraussetzungen für niedrige Preise, kaufen viele Luxemburger nach den Beobachtungen Junckers lieber in den Nachbarländern. "Allein in Trier geben die Luxemburger über 160 Millionen Euro jährlich aus", sagte der vor drei Jahren zum Trierer Ehrenbürger ernannte Politiker. Zwischen 60 und 70 Millionen Euro Mehrwertsteuer-Einnahmen gingen dem Land durch die "Fremd"-Einkäufe verloren. "Damit wir uns richtig verstehen", ergänzte der Christsoziale. "Wir haben zwar nichts dagegen, dass die Luxemburger auch in der Großregion einkaufen. Wir würden aber lieber aus Luxemburg das Haupteinkaufszentrum der Großregion machen, ein Einkaufszentrum, zu dem die anderen kommen. Dafür müssen wir aber preiswerter werden." Juncker kündigte an, im nächsten Jahr eine große Werbeoffensive zu starten, um Luxemburg zur ersten Einkaufsadresse in der Großregion zu machen. "Wir müssen uns bewegen, um die deutschen, belgischen und französischen Kunden kämpfen, gute Preise machen, eine Straßenbahn durch die Stadt fahren lassen und freundlich zu den Leuten sein." Ein für alle Mal vorbei seien die Zeiten, "als die Kühe am Himmel gefressen und ihre Milch in Luxemburg gegeben haben".

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