Klimawandel: Borkenkäfer und Dürre setzen dem Wald extrem zu

Kostenpflichtiger Inhalt: Umwelt : Waldsterben 2.0 – So schlecht geht es den Bäumen

Massen von Käfern machen sich über geschwächte Fichten her, während Laubbäume verdursten. Der Zustand des Waldes beunruhigt die Fachwelt sehr.

Verdorrte Wiesen, brennende Getreidefelder, sterbende Bäume. Der Regen, der für die kommenden Tage vorhergesagt ist, könnte zum berühmten Tropfen auf  dem heißen Stein werden. Wenn er diesen heißen Stein denn überhaupt erreichen kann. Verdunstet ein Großteil des Niederschlags doch bereits wieder auf den Baumkronen, ehe er den ausgetrockneten Boden erreichen kann. Der aktuelle Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt, dass – betrachtet man die Böden bis in eine Tiefe von 1,80 Meter – überall in der Region Trier Dürre herrscht. Stellenweise sogar extreme Dürre.

Landwirte klagen über eine enttäuschende Getreideernte, Winzer über Beeren, die von der Sonne verbrannt wurden. Besonders dramatisch ist die Lage aber in den Wäldern der Region – in den etwas kühleren Höhenlagen ebenso wie in den warmen Flusstälern.

Ulrich Dohle, Vorsitzender des Bunds Deutscher Forstleute, spricht von einem drohenden Kollaps der deutschen Wälder, Horst Womelsdorf, Leiter des Forstamts Daun, vom klimawandelbedingten „Waldsterben 2.0“, und auch Helmut Lieser, Chef des Saarburger Forstamts, der bereits seit 1984 Förster ist, hat den Wald noch nie in schlechterem Zustand gesehen. Angesichts der schwierigen Lage will Bundesforstministerin Julia Klöckner für September einen nationalen Waldgipfel einberufen. Die Berichte über einen schlechten Zustand des Forstes seien alles andere als Panikmache, sagte Klöckner am Freitag. Teile würden „massiv absterben“. Denn betroffen sind diesmal nicht einzelne, sondern sämtliche Baumarten. Der gesamte Wald sei nach dem verheerenden Dürrejahr 2018 und der Hitzewelle der vergangenen Wochen „in seiner Vitalität stark geschwächt“, erklärt Lieser. Schädlinge – allen voran die vielen Borkenkäferarten – haben da leichtes Spiel.

Besonders kritisch ist die Situation laut Lieser auch deshalb, weil die neue Waldgeneration wegen der Trockenheit nicht anwächst: Jungbäume, die da nachgepflanzt wurden, wo es große Borkenkäferschäden gab, verdursten. Selbst die Naturverjüngung klappt nicht mehr überall.

„Wir haben aktuell keine geordneten, geplanten Arbeitsabläufe mehr“, sagt Lieser. Gebot der Stunde sei es, festzustellen, welche Bäume bereits vom Borkenkäfer befallen wurden – mit geschultem Auge ist dies zu erkennen an einer leichten Veränderung der Kronenfarbe, an einem Nadelteppich auf dem Waldboden oder an Bohrmehl, das in Spinnenweben hängenbleibt. Dann heißt es handeln. Im Wald bleiben darf befallenes Holz jedenfalls nicht. „Am besten würde man es direkt zum Sägen fahren, aber die Sägewerke ersticken in Holz“, sagt Lieser. Daher legen die Forstämter der Region für die vielen zu fällenden Fichten große Zwischenlager an, die möglichst weit von den nächsten Nadelwaldbeständen entfernt sind – im Idealfall mindestens einen halben Kilometer. „Dann fliegen sich die Käfer tot“, sagt der Fachmann. In Einzelfällen müsse in den Holzlagern auch Insektizid gespritzt werden, um ein weiteres Ausbreiten der Borkenkäfer zu verhindern.

Zwar ist die Fichte der am stärksten betroffene Baum. Aber auch Kiefern, Lärchen, Douglasien und Tannen fallen derzeit immer öfter Borkenkäfern zum Opfer, die sich dank Hitze und Dürre stark vermehren. Vielerorts trägt der Laubwald zudem schon Herbstfarben, auf dem Waldboden knirschen trocken die gefallenen Blätter. Selbst viele Buchen und Eichen, die eigentlich als robust gelten, überleben die Trockenheit auf flachgründigen Böden nicht.

Auch neue Zahlen aus Mainz zeigen, wie dramatisch schlecht es dem rheinland-pfälzischen Wald geht. Wie die Landesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hin mitteilte, mussten 2019 bereits rund eine Million Festmeter Schadholz aus den Wäldern entfernt werden – und damit schon jetzt genau so viel wie im gesamten Jahr 2018 mit seinen Rekordschäden. Der Wertverlust ist enorm. Auch, weil die Holzpreise wegen des großen Angebots fallen. Bei einer Million Festmeter Schadholz hatte Forstministerin Ulrike Höfken den Wertverlust im März auf 45 Millionen Euro geschätzt. Genaue Zahlen liegen aktuell noch keine vor. Hinzu kommen Kosten, die durch Holztransporte, -lager oder Wiederaufforstung anfallen.

Als in den 80er Jahren ein Wald­sterben drohte, griff die Angst um sich. Die Menschen gingen auf die Straße. Lieser erinnert sich daran, wie Hubschrauber tonnenweise Kalk über den Wäldern abwarfen, um der Übersäuerung des Bodens zu begegnen. „Die Politik hat damals gegriffen“, sagt er. Kraftwerke wurden verpflichtet, ihr Rauchgas mit neuen Filtern zu entschwefeln, es gab neue Abgaswerte für Autos, Katalysatoren etc. Der saure Regen wurde weniger. Und der Wald erholte sich.

Doch nun? So nötig ein ausgiebiger Landregen auch wäre – die Lösung ist er nicht. Wird der Klimawandel doch –  so prognostizieren es die Experten für Klimawandelfolgen – immer öfter zu Wetterextremen führen: zu Hitzewellen, ausgeprägten Dürren, Starkregen und Stürmen, die dem Wald Schaden zufügen. Daran wird er sich anpassen müssen. Doch: „Dies geht nicht von heute auf morgen“, teilt das Bundesforstministerium angesichts der aktuellen Lage mit. Das sei eine langfristige Aufgabe.

Es gelte, das Ökosystem verstärkt an die Herausforderungen, die mit dem Klimawandel einhergehen, anzupassen. Aspekte dabei seien: trockenheitstolerantere Baumarten zu pflanzen, die Wasserspeicherfähigkeit der Waldböden zu verbessern, Baumarten mit unterschiedlichen Ansprüchen und Eigenschaften (etwa Bäume mit tieferen und flacheren Wurzelsystemen) zu mischen, die Waldhygiene deutlich zu intensivieren (zum Beispiel rasche Beseitigung von Brutmaterial für Schaderreger).

Das Land Rheinland-Pfalz setzt bereits seit Jahren auf artenreiche Mischwälder, um den Wald auf den Klimawandel vorzubereiten. Doch auch die stoßen derzeit an ihre Grenzen.

Mehr von Volksfreund