Kliniken müssen um Freiwillige werben

Kliniken müssen um Freiwillige werben

Nach der Aussetzung der Wehrpflicht fällt zur Jahresmitte auch der Zivildienst weg. Was heißt das für die Kliniken? Unser Korrespondent Stefan Vetter sprach darüber mit dem Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Rudolf Kösters.

Herr Kösters, treibt Ihnen das Aus für den Zivildienst die Sorgenfalten auf die Stirn?
Rudolf Kösters: Ja, denn der Zivildienst war in unseren Krankenhäusern schon eine wichtige Säule der Patientenversorgung. Von den jährlich etwa 90 000 Zivildienstleistenden entfielen 15 000 auf die Krankenhäuser. Das heißt, jeder sechste Zivi hat in einer Klinik gearbeitet. Das zu ersetzen, wird nicht einfach werden.

Was bedeutet das für die Versorgungsqualität der Patienten?
Kösters: Je nach Vorbildung waren die Zivildiensleistenden in zahlreichen Bereichen eingesetzt. Wenn jemand schon einen sozialen Beruf hatte, dann wurde er auch in den normalen Dienst mit einbezogen. Bei den meisten Stellen lag der Schwerpunkt aber auf einer sozialen Betreuung. Die Zivis kümmerten sich um das, wozu Ärzten und Schwestern die Zeit fehlt: die Lebensqualität der Patienten. Wenn man bedenkt, dass in den letzten zehn Jahren aus Kostengründen etwa 55 000 Pflegestellen in den Kliniken weggefallen sind, dann erschließt sich auch, wie wichtig die Arbeit der Zivis war.

Mit der beschlossenen Einführung eines Bundesfreiwilligendienstes hofft die Bundesregierung, die Lücke der Zivis schließen zu können. Wie sehen Sie das?
Kösters: Mich stimmt hoffnungsvoll, dass wir gute Erfahrungen mit dem schon bestehenden Freiwilligendienst gemacht haben. In der Regie der Länder gibt es ja das sogenannte Freiwillige Soziale Jahr. Der Vorteil dieses Programms besteht darin, dass die Person zwölf Monate lang zur Verfügung steht und nicht nur ein halbes Jahr wie zuletzt die Zivis. Das bedeutet mehr Kontinuität in den Kliniken.

Laut Gesetz soll der Bundesfreiwilligendienst das Freiwillige Soziale Jahr "harmonisch ergänzen".
Kösters: Richtig, und hier sehe ich Probleme. Wenn jemand das Freiwillige Soziale Jahr absolviert, bekommt er monatlich rund 300 Euro. Beim Bundesfreiwilligendienst sollen es 500 Euro sein. Das führt zu unerwünschter Konkurrenz. Die Frage ist auch, wer sich zum Bundesfreiwilligendienst meldet. Sind das Leute, die sich der Sache so verpflichtet fühlen wie einst die Zivis, oder sind das Menschen, die es eher locker angehen lassen? Letzteres wäre weniger im Interesse der Patienten.

Müssen die Krankenhäuser da nicht auch selbst aktiv werden?
Kösters: Sicher. Die Krankenhäuser müssen zeigen, wie interessant eine solche Tätigkeit gerade in der Berufsfindungsphase eines jungen Menschen sein kann. Da können die Kliniken kräftig die Werbetrommel rühren.

Stichwort Berufsfindung. Experten fürchten, dass sich der Wegfall des Zivildienstes negativ auf den Nachwuchs auch in Kliniken auswirken könnte. Teilen Sie diese Ansicht?
Kösters: Das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber ich vertraue zunächst einmal darauf, dass es den jungen Freiwilligen ernst ist, sich im sozialen Bereich engagiert einzubringen.

Aus der Union kommt der Vorschlag, dass auch Hartz-IV-Empfänger künftig in Krankenstationen Dienst tun sollen, um die Zivis zu ersetzen. Eine gute Idee?
Kösters: Wenn ein Hartz-IV-Empfänger immer Schwierigkeiten hatte, seinen Berufsweg zu finden, dann wäre es verwerflich, ihn quasi als Experiment in ein Krankenhaus zu schicken. Viele Betroffene sind wegen ihrer negativen Lebenserfahrungen demotiviert, was sich dann auch auf ihre Tätigkeit im sozialen Bereich übertragen könnte. Das schließt nicht aus, dass Hartz-IV-Empfänger im Einzelfall durchaus für eine solche Arbeit in Betracht kommen.