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KMK-Vorsitzende Stefanie Hubig (SPD) lehnt ab, Sommerferien zu kürzen

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona-Krise : Interview mit Bildungsministerin Hubig: „Ich möchte an den Sommerferien festhalten“

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin (SPD) spricht darüber, warum Lehrer in der Corona-Krise auf Noten verzichten sollen und warum sie ein Versetzen auf Probe ablehnt. Für Schüler stehen 25 000 weitere Laptops bereit.

(flor) Lehrer, Eltern und Schüler sitzen auf glühenden Kohlen: An welchem Tag erfahren sie, wann die Schule wieder losgeht?

Stefanie Hubig: Ich habe sehr großes Verständnis dafür, dass Eltern, Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte Planungssicherheit haben wollen. Diese wollen wir Ihnen auch so schnell wie möglich geben. In der kommenden Woche sprechen die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder mit der Bundeskanzlerin in einer Telefonkonferenz und werden dabei sicherlich weitere Schritte festlegen. Parallel stehen wir auch auf Ebene der Kultusministerkonferenz in einem sehr engen Austausch – und wir werden alle Beteiligten so früh wie möglich informieren.

Wie geht es in der Corona-Krise weiter? Darüber sprach Bildungsministerin Stefanie Hubig im Interview mit dem Trierischen Volksfreund. Foto: dpa/Andreas Arnold

In einem Schreiben an die Schulleitungen halten Sie es sich sogar offen, Schulen bis zu den Sommerferien gar nicht mehr öffnen. Ist das wirklich ein realistisches Szenario?

Hubig: Das kann heute niemand sagen – ich auch nicht. Uns war mit dem Schreiben wichtig, dass die Schulen für alle Eventualitäten einen Plan in der Schublade haben. Deshalb haben wir alle Szenarien benannt.

Halten Sie es für denkbar, dass alle Kinder sofort wieder zur Schule gehen wie gehabt? Der Philologenverband schlägt einen gestaffelten Start vor, der zunächst Abiturienten den Vorrang gibt, die noch Prüfungen schreiben.

Hubig: Wir sind auf die Expertise aus dem Gesundheitsbereich angewiesen. Die Expertinnen und Experten haben uns bei Kitas und Schulen um Geduld gebeten, weil sie sehen müssen, wie sich die Infektionszahlen verändern. Natürlich machen wir uns über die verschiedenen Szenarien schon jetzt Gedanken. Dazu gehören auch die Fragen, wie Risikogruppen abgesichert werden und der Infektionsschutz an Schulen eingehalten wird. Klar ist, dass ab dem 30. April die letzten schriftlichen Abiturprüfungen stattfinden – und das natürlich unter den dafür erforderlichen Hygienebedingungen.

Der Verband Bildung und Erziehung lehnt ab, Sommerferien zu kürzen. Sie auch?

Hubig: Ich habe das nie in Erwägung gezogen und möchte an den Sommerferien festhalten. Es gibt keinerlei Überlegungen, das in Rheinland-Pfalz zu ändern.

Das Land empfiehlt, keine Noten für Homeschooling zu vergeben. Warum sind Sie dagegen?

Hubig: Weil wir ganz unterschiedliche Bedingungen erleben: Wir haben Schülerinnen und Schüler, die sehr gut mit Endgeräten ausgestattet sind oder sich von älteren Geschwistern und Eltern Inhalte erklären lassen können. Es gibt aber auch Kinder und Jugendliche, die diese Voraussetzungen nicht haben. Für mich ist es eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, dass alle die gleichen Bedingungen haben. Einige Schulen, die bereits Erfahrungen mit dem digitalen Lernen haben und an denen alle Schülerinnen und Schüler unter gleichen Bedingungen arbeiten, dürfen Noten vergeben. Bei Oberstufenschülern können Leistungsnachweise erbracht werden, wenn die Schulen noch länger ausfallen sollten – wie Präsentationen oder Referate.

Wie werden ohne Noten die Schüler belohnt, die sich im digitalen Unterricht hervorheben?

Hubig: Uns ist wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler auch während der Zeit der Schulschließung Rückmeldung erhalten. Die Fleißigen bekommen ein gutes Feedback. Und wir alle wissen: Lob tut gut. Die Schülerinnen und Schüler belohnen sich außerdem selber, wenn sie sich Dinge erarbeiten und besser werden.

Bleiben Schulen über den 4. Mai hinaus zu, soll keiner sitzenbleiben. Der VBE schlägt vor, dass Schüler eine Klasse freiwillig wiederholen dürfen. Stimmen Sie zu?

Hubig: Das deckt sich mit unserer Regelung. Grundsätzlich sagen wir, dass alle in die nächste Klasse aufrücken dürfen. Das freiwillige Wiederholen einer Klasse ist trotzdem weiter möglich.

Der Deutsche Lehrerverband befürwortet das Vorrücken in die nächste Klassenstufe – auf Probe. Finden Sie das richtig?

Hubig: Ich halte es für richtig, wenn Schülerinnen und Schüler vorrücken, um keinen Nachteil aus der Corona-Krise zu haben. Für falsch halte ich es aber, Kinder und Jugendliche unter den Vorbehalt einer Probe zu stellen. Sie brauchen Sicherheit – und kein Damoklesschwert, das über ihnen hängt.

In einem Rheinpfalz-Interview haben Sie gesagt: „Es gibt auch Kinder und Eltern, die nicht erreichbar sind, die das Telefon nicht abnehmen und E-Mails nicht beantworten. Wir prüfen derzeit, wie wir an sie herankommen.“ Haben Sie schon einen Weg gefunden?

Hubig: Ja. Die Schulsozialarbeit ist jetzt besonders gefragt: Schulsozialarbeiter kümmern sich sehr und nehmen Kontakt mit den Schülern auf. Es gibt auch Schulleiter, die morgens um 8 Uhr bei Kandidaten anrufen und sagen: ,Der Unterricht beginnt‘, was vielleicht für murrende Kinder sorgt (lacht). Ich bin den Kommunalen Spitzenverbänden sehr dankbar, dass wir jetzt gemeinsam dafür sorgen, dass die kommunalen Medienzentren und Schulen Endgeräte wie Tablets oder Laptops an Schülerinnen und Schüler ausleihen, denen es an technischer Ausrüstung fehlt. Rund 25 000 Geräte können wir über diesen Weg austeilen. Außerdem arbeiten wir im Rahmen des Projekts S hoch vier gemeinsam mit den Schulen in besonders herausfordernden Lagen an Empfehlungen für die Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern. Diese sollen dann auch allen anderen Schulen als Video zur Verfügung stehen.

Inwieweit beschleunigt Corona flächendeckendes, digitales Lernen?

Hubig: Wir erleben einen Stresstest, der so nie geplant war. Anfangs ruckelte es, weil die Systeme auf den Ansturm nicht vorbereitet waren. Inzwischen klappt das digitale Lernen im Großen und Ganzen gut. Mehr als 1000 Schulen sind an Plattformen angeschlossen, schicken Aufgaben per Mail, PDF und Apps. Andere machen sich auf den Weg. Wir arbeiten gerade intensiv daran, künftig Videoschalten zu ermöglichen. Weil die Corona-Krise eine einmalige Situation ist, wollen wir auch die Schulleiter befragen, was gut geklappt hat, wo es gehakt hat. Aus diesen Antworten können wir dann – mit Blick auf die Digitalisierung in den Schulen – wertvolle Erkenntnisse ziehen.

Inwieweit trägt das neue Schulgesetz der Corona-Krise Rechnung?

Hubig: Wir haben im Schulgesetz auf der Zielgeraden noch die Regelung aufgenommen, dass künftig auch Präsenz-Unterricht durch digitalen Fernunterricht ersetzt werden kann. Das gilt nicht nur in Corona-Zeiten, sondern auch, wenn beispielsweise ein Schulgebäude wegen Überschwemmung nicht betreten werden kann.

Was ändert sich mit dem Gesetz im Schulleben?

Hubig: Ich habe mir auf die Fahne geschrieben, mehr Demokratiebildung an den Schulen zu ermöglichen, denn wir müssen mit unserer Demokratie gut und pfleglich umgehen. Deshalb bekommen die Schülerinnen und Schüler mehr Mitbestimmungsrechte. Nicht nur in weiterbildenden Schulen soll es künftig eine Schülervertretung geben, sondern auch in den Grundschulen.

Haben Sie Sorge, dass die Corona-Krise mit all ihren Folgen die Diskussion über den Wert von Demokratie in den Hintergrund drängt?

Hubig: Im Gegenteil: Wir erleben gerade an sehr vielen Stellen, wie gut unsere Demokratie funktioniert: Menschen, Vereine und Initiativen kümmern sich um Schwächere und stehen füreinander ein. Das zeichnet eine demokratische Gesellschaft aus. Gleichzeitig versuchen Länder – wie zum Beispiel Ungarn - diese mit Freiheitseinschränkungen einhergehende Notsituation auszunutzen, um die Demokratie auszuhöhlen. Ich bin sehr froh, dass wir hier funktionierende Verwaltungen, Parlamente und Regierungen haben, die diese Zeit nicht für solche Zwecke missbrauchen, sondern verantwortungsbewusst handeln.

Interview: Florian Schlecht