KOLUMNE

Schuld und Sühne gehören idealerweise zusammen. Wer schuldig ist, dem kann nur vergeben werden von denen, an denen er sich schuldig gemacht hat. Das zumindest gilt für all die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, die sich während der zwölfjährigen Gewaltherrschaft Adolf Hitlers schuldig an ihren Mitmenschen gemacht haben, die sechs Millionen Juden umgebracht haben, die grausam gegen alle vorgingen, die ihnen nicht passten.

Vergebung dürfte das einzige sein, was diese Menschen erwarten können. Aber Hass und Verachtung sind für viele Menschen leichter zu produzierende Gefühle als die Fähigkeit zur Vergebung. Wie könnte ein Mensch auch leicht den Holocaust vergeben, das erbarmungslos organisierte Gemetzel eines wahnsinnigen Folterknechts des Bösen? Nach menschlichem Ermessen kann wohl nur die Zeit solche Wunden heilen. Am diesem Freitag, dem 10. September, feierten die Luxemburger den 60. Jahrestag ihrer Befreiung aus den Klauen der Nazis. Vier Jahre lang wüteten die Deutschen damals im Großherzogtum, verpflichteten junge Luxemburger für den Krieg und unterdrückten jeden Willen, der nicht den Vorstellungen des Regimes entsprach. Die Luxemburger Wunden heilen langsam, sie sind noch längst nicht verschlossen. Ja, Einkaufen in der Moselstadt zählt noch nicht seit Ewigkeiten zu den Lieblingsbeschäftigungen der Luxemburger in Trier. Nach dem Krieg dauerte es mehrere Jahrzehnte, bis die Bewohner des kleinen Landes wieder frohgemut die Mosel überquerten und ihre Nachbarn besuchten. Auch Menschen aus dem Ländchen waren schließlich in deutschen Konzentrationslagern gelandet, wurden zwangsgermanisiert, gezwungen ihre Heimat zu verraten und vieles mehr. Die Älteren haben noch lebendige Erinnerungen an die Zeit, deren Aufarbeitung allen wie auch immer Beteiligten auf beiden Seiten der Mosel noch äußerst schwer fällt. Zweifellos darf niemals in Vergessenheit geraten, was damals geschehen ist, sollte allen Deutschen immer bewusst sein, welch üblen Gestank die braune Suppe der Nazidiktatur hinterließ. Diese Suppe werden die nachfolgenden Generationen auslöffeln müssen. Die Verbrechen von damals gehören unbedingt ans Tageslicht. Es ist aber auch an der Zeit, den Blick nach vorn zu richten. Das gemeinsame Europa der Regionen, das Politiker gern bei Sonntagsreden betonen, kann sich nur in den Köpfen breit machen, wenn die Menschen weiter aufeinander zugehen, sich weiter aufeinander einlassen. Es wäre schön, wenn diese Sichtweise auch in der Region zwischen Trier und Luxemburg noch mehr Anhänger hätte. Dann würde die Region wohl tatsächlich noch mehr zusammenwachsen. Arne Langner