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Kommen die vier Angeklagten auf freien Fuß?

Kommen die vier Angeklagten auf freien Fuß?

Paukenschlag im Trierer Landgericht: Der Prozess gegen vier mutmaßliche Geldautomatenknacker ist gestern geplatzt, nachdem die Staatsanwaltschaft neue, bislang unbekannte Ermittlungserkenntnisse vorgelegt hatte.

Trier. Von einer Klatsche will der Leitende Oberstaatsanwalt Jürgen Brauer nicht sprechen. Auch wenn gestern der Prozess gegen vier aus Bosnien und Herzegowina stammende Männer, die Geldautomaten in der Region geknackt und mindestens 285 000 Euro erbeutet haben sollen, geplatzt ist. Die Staatsanwaltschaft hat am Tag zuvor dem Gericht 500 Seiten umfassende weitere Ermittlungsakten vorgelegt. Darin soll es um weitere Geldautomatenaufbrüche gehen. Ein Gutachten zu den von den Tätern benutzten Werkzeugen soll zu dem Schluss kommen, dass diese auch für Aufbrüche benutzt worden sind, die nach der Festnahme der vier verübt wurden.
Rüdiger Böhm, der Verteidiger eines der Angeklagten, eines 51-jährigen arbeitslosen Automechanikers, fordert gleich zu Beginn des zweiten Prozesstages einen Aufschub, weil sein Mandant die neuen Akten nicht kenne. Außerdem verlangt er von der Staatsanwaltschaft die Erklärung, dass im Laufe des Verfahrens nicht noch weitere bislang unbekannte Akten auftauchen.
Staatsanwalt Wolfgang Spies kündigt an, bis nächste Woche eine neue, um die nun noch ermittelten Fälle erweiterte Akte vorzulegen. Darüber entbrennt zwischen den insgesamt acht Verteidigern der vier Angeklagten und den beiden Staatsanwälten ein heftiger Schlagabtausch. Tenor: Die Verteidiger sehen sich aufgrund der unsicheren Aktenlage nicht imstande, die Angeklagten ordentlich zu verteidigen. Sie müssten sich erst Einblick in die Ermittlungen verschaffen, argumentieren sie. Laut Prozess-ordnung darf aber ein laufendes Verfahren nicht länger als drei Wochen unterbrochen werden, sonst muss es neu aufgerollt werden. Böhm beantragt daher, den Prozess auszusetzen.
Nach kurzer Beratung gibt die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz der Richterin Petra Schmitz dem Antrag statt. Der Prozess ist damit geplatzt und muss von vorne beginnen. Das Koblenzer Oberlandesgericht muss nun entscheiden, ob die vier Männer wie von den Verteidigern beantragt aus der Untersuchungshaft entlassen werden. "Die Staatsanwaltschaft hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht", poltert der Trierer Rechtsanwalt Sven Collet. Auch sein Kollege Marco Liell schüttelt ungläubig den Kopf: Es sei ein Unding, dass den Verteidigern nicht alle Akten zur Verfügung stünden.
Von Anfang an sei klar gewesen, dass es sich um komplexe Ermittlungen handele und noch nicht alle Fälle ausermittelt seien, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt. Damit sei auch klar gewesen, dass während des laufenden Prozesses neue Erkenntnisse und Ermittlungsakten auf den Tisch kommen würden. Brauer geht davon aus, dass die vier aus Bosnien und Herzegowina stammenden Männer zusammen oder auch mit anderen Tätern seit April 2010 an weiteren womöglich bis zu 16 Geldautomatenaufbrüchen in der Region beteiligt waren. "Eine ganze Reihe davon ist ungeklärt", sagt Brauer.
Weil aber die vier Männer seit ihrer Festnahme im vergangenen November in Untersuchungshaft sitzen und einem Verdächtigen spätestens sechs Monate nach seiner Inhaftierung der Prozess gemacht werden muss, fußte die Anklage nur auf drei, wie Brauer sagt, "ausermittelten" Fällen. Man habe nicht warten können, bis der Gesamtkomplex aufgearbeitet sei.
Laut Brauer wird in den nächsten Tagen eine neue Anklage erhoben. Die Staatsanwaltschaft will beantragen, die seit November dauernde Untersuchungshaft fortzuführen. Das ist aber nur möglich, wenn in den nächsten Wochen der neue Prozess in dieser Sache beginnen kann.
In Ermittlerkreisen geht man davon aus, dass die vier Männer zu einer hochgradig organisierten Bande gehören, die in wechselnder Besetzung in verschiedenen Bundesländern Geldautomaten knackt. Allein in der Region soll sie so über eine Million Euro erbeutet haben.