Kommentar zum Hochmoselübergang: Riesig, einzigartig, aber mit zu viel Macht gewollt

Kostenpflichtiger Inhalt: AUS DEM ARCHIV: November 2019 : Der Hochmoselübergang: Riesig, einzigartig, aber mit zu viel Macht gewollt

Die riesige Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig ist am Donnerstag für den Verkehr freigegeben worden. Unsere Reporterin Katharina de Mos bezieht Stellung zum Bauwerk. Volksfreund.de liefert Reaktionen und jede Menge Fotos vom Eröffnungstag.

Die Brücke ist geschlagen. Eifel und Mosel, Rotterdam und das Rhein-Main-Gebiet sind ein Stück näher zusammengerückt. Und nach Jahrzehnten findet ein ebenso umstrittenes wie einzigartiges und spektakuläres Mammutprojekt endlich seinen Abschluss.

Schon bald wird es normal sein, in 160 Metern Höhe übers Moseltal zu fahren. Schon bald wird es vergessen sein, welche großen technischen Herausforderungen, welche politischen Kämpfe, welche enormen Kosten und welche Welle der Emotionen mit dem Bau des Hochmoselübergangs verknüpft waren.

Ein Projekt, bei dem vieles anders hätte laufen müssen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Pläne, die seit der Schaffung des Baurechts im Jahr 2008 mit aller Macht durchgedrückt wurden, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem vorigen Jahrtausend stammen. Fast eine halbe Milliarde Euro hat die neue B 50 verschlungen – und kann am Ende zur Lösung der drängendsten Verkehrsprobleme des 21. Jahrhunderts nur wenig beitragen.

Als Deutscher hat man sich schon daran gewöhnt, dass Großprojekte viel teurer werden als geplant und sich um Jahre verzögern. Da passt der Hochmoselübergang bestens ins Bild. 2016 sollten die ersten Autos rollen.

Drei Jahre später ist es so weit. 2002, bevor es mit dem ersten Bauabschnitt beim Autobahnkreuz Wittlich losging, sollte der Bau noch 260 Millionen Euro kosten, 2009  waren es schon 330 Millionen Euro. Inzwischen sind es 483 Millionen Euro. Kostensteigerungen, die die Verantwortlichen mal im Kleingedruckten ihrer Webseite versteckten, mal verschämt am Rande eines staatssekretärlichen Baustellenbesuches einräumten. Offensive Information: Fehlanzeige.

Auch mit der Wahrheit haben die Verantwortlichen es leider nicht immer so genau genommen. Jahrelang wurden die Bedenken von Experten beiseitegefegt: Der Kriechhang auf Eifeler Seite sei bestens erforscht, die Pfahlgründung sicher, die Standsicherheit gewährleistet, Kostensteigerungen seien nicht abzusehen. Eine Mitteilung, dass man sich geirrt habe: Fehlanzeige. Kein Wunder.

Schließlich waren die Probleme bekannt – wie aus einem Vermerk des (damals noch grünen) Wirtschaftsministeriums hervorgeht: Die Firma Arcadis hatte dem Landesamt für Geologie schon 2013 mitgeteilt, dass eine „DIN-konforme Standsicherheit der Brücke nicht erreicht wird“. Der Chefgeologe, der vor dem Baugrund-Risiko warnte, wurde mundtot gemacht und versetzt. Die Politik wollte dieses Projekt offenbar um jeden Preis.

Aber gut, nun ist es fertig – und bietet hoffentlich tatsächlich das, was seine Planer sich (und dem Rest des Landes) davon versprachen: eine schnellere Verbindung  zwischen den belgisch-niederländischen Ballungsräumen und dem Rhein-Main-Gebiet, eine bessere Anbindung der Region, kürzere Wege, wirtschaftlichen Aufschwung, Arbeitsplätze, Zeitersparnis, ja vielleicht sogar Scharen von Touristen, die die spektakuläre Riesenbrücke bestaunen, die in den vergangenen Jahren für so viele Schlagzeilen sorgte ... Die nahe Zukunft wird es zeigen.

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