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Konzern nimmt Krebsmittel vom Markt: Ärzte und Apotheker empört

Konzern nimmt Krebsmittel vom Markt: Ärzte und Apotheker empört

Ärzte und Apotheker aus der Region zeigen sich empört, weil eine Pharmafirma ein wirksames Medikament gegen Blutkrebs vom Markt genommen hat. Patienten würden so von der Behandlung ausgeschlossen, sagt der Trierer Apotheker Michael Raber. Michael Clemens, Chefarzt im Trierer Mutterhaus, nimmt an, dass die Marktrücknahme wirtschaftliche Gründe habe.

Trier. Den Namen des Medikaments können wahrscheinlich nur Ärzte und Apotheker problemlos aussprechen: Alemtuzumab. Doch genau um dieses Krebsmedikament tobt derzeit ein heftiger Streit. Der US-Hersteller Genzyme hat das gegen eine bestimmte Form des Blutkrebses wirksame Mittel überraschend vom Markt genommen. Nicht etwa, weil es plötzlich vermehrt zu gefährlichen Nebenwirkungen bei Patienten gekommen wäre - oder womöglich zu Lieferschwierigkeiten. Man habe sich entschieden, Alemtuzumab künftig als Mittel gegen Multiple Sklerose (MS), gegen die es auch wirkt, zu verkaufen, heißt es vielmehr in einer Mitteilung des Herstellers.

Michael Raber, Apotheker aus Trier, ist empört. Niemand habe ihm beim Hersteller sagen können, ob es ein Ersatzpräparat gebe oder ob Alemtuzumab auch nach der Zulassung als MS-Medikament weiter für die Behandlung von Chronisch Lymphatischer Leukämie (CCL) eingesetzt werden dürfe. Dem Apother zufolge handelt es sich zwar nicht um ein Massenmedikament: Nur Patienten mit einer besonders aggressiven Form von CCL erhielten Alemtuzumab. Zwei Patienten hätten in diesem Jahr das rund 2000 Euro teure Medikament in seiner Apotheke erhalten, sagt Raber. Für ihn ist klar, dass der Hersteller das Produkt aus rein wirtschaftlichen Gründen vom Markt genommen hat.
Deutliche Gewinnsteigerung?



MS tritt in Deutschland weitaus häufiger auf als die aggressive Form des Blutkrebses. Derzeit leben rund 130 000 MS-Patienten in Deutschland, jährlich werden 2500 Erkrankungen neu diagnostiziert. Aufgrund der höheren Patientenzahl, der längeren Behandlungsdauer, einer niedrigeren Dosierung bei gleichzeitig höherem Preis kann der Hersteller demnach mit einer deutlichen Umsatz- und Gewinnsteigerung rechnen. Auch Michael Clemens, Chefarzt für Innere Medizin im Trierer Mutterhaus, kritisiert die offensichtlich kommerziellen Gründe für die Marktrücknahme. Das sei aber mittlerweile gang und gäbe bei den Pharmaherstellern. Die nähmen ältere, seit längerem auf dem Markt befindliche Medikamente irgendwann zurück, und andere Unternehmen böten diese dann gegen andere Krankheiten, gegen die sie auch wirksam seien, für einen deutlich höheren Preis an, erklärt Clemens. Im Mutterhaus seien einige CCL-Patienten mit dem Medikament behandelt worden. Für sie müsse man es nun auf anderem Weg, etwa aus Ländern, in denen es noch nicht vom Markt genommen wurde, besorgen, sagt der Chefarzt. Das sei aber nur mit erheblichem bürokratischen Aufwand möglich, sagt Sabine Steinbach, Leitende Apothekerin im Mutterhaus. Vor allem werde das Medikament künftig deutlich teurer sein. Das sei "ein Musterbeispiel für eine unethische Marktpolitik". Die Rendite eines Unternehmens werde vor das Patientenwohl gestellt.
Eine gesetzliche Handhabe gegen eine solche Marktrücknahme aus rein wirtschaftlichen Gründen gibt es nicht. Im Juni ist ein entsprechender Absatz, der Versorgungsengpässe durch solches Vorgehen verhindern sollte, aus dem Arzneimittelgesetz gestrichen worden.