Kriwwelbisser, Deern und Zwibbeln

Landau/Trier. Der eine schwätzt, der andere babbelt. Gemein ist ihnen, dass sie miteinander reden. Mal auf schwäbisch, mal auf hessisch. Wie sollten Eltern ihre Kinder sprachlich aufwachsen lassen? Mit Dialekt oder in Hochdeutsch? Oder in beidem?

Dialekt ist farbiger, ausdrucksstärker und gehaltvoller als Hochdeutsch. Dialekt gibt Stimmungen, Emotionen und Soziales genauer wieder. Dialekt sprechende Menschen strahlen Bodenständigkeit und ein Gefühl von Heimat aus. Ihnen wird aber auch Bäuerliches, Hinterwäldlerisches, gar weniger Bildung unterstellt. Prominentes Beispiel: Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl, der seine pfälzische Heimat auf der Zunge trägt und dafür gelegentlich mediales Gespött erfährt.Am besten "zweisprachig" aufwachsen

Dialekt oder Hochdeutsch? Wie sollten Eltern ihren Nachwuchs sprachlich erziehen? Ist Dialekt ein Nachteil im schulischen Lernen? Ein klares Nein sagt dazu Hanns Petillon, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Koblenz/Landau. Allerdings müssten beide Sprachen, Hochdeutsch und Dialekt, exakt voneinander getrennt werden und möglichst genau erlernt werden. Kinder, die zweisprachig in Dialekt und Hochdeutsch erzogen werden, sind beim Erlernen der ersten Fremdsprache im Vorteil gegenüber den nur hochdeutsch sprechenden Kindern. Auch Petillon vertritt neben anderen Wissenschaftlern diese Ansicht. "Die These ist plausibel, allerdings nicht empirisch überprüft", meint der Leiter des Instituts für Bildung im Kindes- und Jugendalter. Zweisprachig erzogene Kinder haben generell eine größere Sensibilität gegenüber der Sprache. Sie sind gewohnt, Dinge doppelt benennen zu können - klarer Vorteil für das Erlernen einer Fremdsprache. Wenn Dialekt sprechende Schüler aber zu den großen Schweigern im Unterricht zählen und mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern "glänzen", liegt die Ursache für Petillon darin, dass sie keine richtigen Zweisprachler sind. Erst zu Luthers Zeiten begann die Suche nach einer gemeinsamen Hochsprache. Die mündlich überlieferte Sprache war der Dialekt. Doch die regionalen Besonderheiten gehen zurück. In Norddeutschland gibt es bereits Dialektkurse. Nur noch 35 Prozent der Bevölkerung verstehen ihren Dialekt dort, nur 20 Prozent sprechen ihn noch. Auch das Bundesland Rheinland-Pfalz erlebt nach Beobachtungen Petillons einen deutlichen Rückgang des Dialekts. Obwohl er die Region um Trier grundsätzlich als Dialektgebiet einschätzt ("Der Dialekt spielt dort eine große Rolle"), werde Dialekt nur noch eingeschränkt in Dörfern und abgelegenen Regionen gesprochen. Schuld daran sollen die Medien sein, die der Hochsprache frönen. "Wirkliche Besonderheiten kennen nur noch die Älteren", glaubt Petillon, Familienvater und Südpfälzer. Er hält es daher für sehr günstig, wenn Ältere Dialekt an ihre Kinder und Enkelkinder weiter geben, um die Identität der eigenen Region zu wahren. Trotz allgemeinen Rückgangs des Dialektsprechens ist ein Lichtstreifen für Freunde der Kriwwelbisser (pfälzisch etwa: Eigenbrötler), Deern (norddeutsch: Mädchen) und Zwibbeln (hessisch: Zwiebeln) am Horizont. Zunehmend die 50- bis 60-Jährigen erinnerten sich des Dialekts und pflegten ihn - etwa bei Laienschauspielen -, hat Petillon beobachtet. Zu seiner Freude, denn: "Dialekt ist - neben der exakten Hochsprache ein Gewinn für Kinder. Eltern sollten ihn auf keinen Fall unterbinden."

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