Land baut Pflegewissenschaften an der Universität Trier massiv aus

Kostenpflichtiger Inhalt: Universität Trier : Fünf neue Professuren und jede Menge Ärger

Nicht nur an der Hochschule – auch an der Uni Trier selbst regt sich Protest gegen die Pläne, die Pflegewissenschaften so stark auszubauen: Fünf neue Professuren spendiert das Land der Uni. Und das trotz aller Zweifel, ob das Angebot für Studenten überhaupt attraktiv ist.

Nicht eine, nicht zwei – ganze fünf Professuren spendiert die Landesregierung der Universität Trier. Geht es doch um ein Herzensanliegen von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD): die Pflege. Schon als Sozialministerin hatte sie sich dafür eingesetzt, die Pflegewissen-
schaft an der Uni zu etablieren. Nun baut das Land das Angebot massiv aus. Ab Herbst 2020, spätestens ab 2021 sollen der Bachelor-Studiengang „klinische Pflege“ und der Master-Studiengang „Interprofessionelle Gesundheitsversorgung“ das duale Studienangebot ersetzen.

Ein Engagement, das man nicht nur an der Trierer Hochschule kritisch sieht, die sich übergangen fühlt. Auch an der Uni regt sich Protest. So mancher sorgt sich, dass die weitere Ausstattung der fünf Professuren auf Kosten geisteswissenschaftlicher Fächer gehen könnte. „Wir krebsen jetzt schon rum“, sagt ein Geisteswissenschaftler, der anonym bleiben möchte. Er klagt über Personalabbau und Sparzwänge, über eine steigende Arbeitsbelastung, über ein sich verschlechterndes Betreuungsverhältnis, über Forschung, „die immer mehr zum Privatvergnügen wird“ und den wachsenden Zwang, ökonomisch zu arbeiten. Gerade kleine Fächer hätten gar nicht die Möglichkeit, viele Drittmittel an Land zu ziehen. Einfach, weil ihre Forschung – egal wie wertvoll sie für die Gesellschaft auch sein mag – für die Wirtschaft nicht so attraktiv sei.

Universitätspräsident Michael Jäckel betont, die Sorge, dass die Geisteswissenschaften unter dem neuen Angebot leiden, sei unberechtigt. Man werde die Pflegewissenschaft nicht auf Kosten anderer ausstatten. „Das ist absoluter Unsinn“, sagt er. Die kleinen Fächer seien alle noch vorhanden. Professuren in Papyrologie oder Ägyptologie habe man neu besetzt. Dass es Stellensperren und Sparzwänge gibt, räumt er unumwunden ein. „Das ist ein Dauerproblem, das wir alle haben“. Auch die Sorge, die Uni könne ihr Profil verlieren, sei unberechtigt. Im Kern bleibe sie geisteswissenschaftlich. „Aber ich kriege nun mal nicht fünf Professuren für Literaturwissenschaft angeboten.“

Die fünf neuen Pflege-Lehrstühle sieht er als Chance. „Die Herausforderung ist jetzt, den Studiengang so attraktiv zu machen, dass weiter Studenten kommen“. Geld bekommen die Pfleger in akademischer Ausbildung – anders als bisher im dualen Studium – nämlich keins. Aktuell lockt das Studienangebot je Semester rund 25 junge Menschen in den Wissenschaftspark. Künftig sollen es doppelt so viele sein, die in Praxis und Theorie lernen, wie sie Babys, Kranken oder Alten am besten helfen.

Dass der duale Studiengang abgeschafft wird, hat rechtliche Gründe. Das Gesetz zur Reform der Pflegeberufe verlangt, dass Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege künftig nicht getrennt, sondern zusammen gelehrt werden. Und so soll der neue Studiengang in 2100 Stunden Theorie und 2300 Stunden Praxis die gesamte Lebensspanne von der Geburt bis zur palliativen Versorgung abdecken.Die Praxisphasen in der vorlesungsfreien Zeit sollen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen absolviert werden. „Es wird am Ende nicht ohne Vergütung gehen“, betonte auch Malu Dreyer, als sie vor einigen Wochen an der Uni zu Gast war. Auch sie sehe Nachbesserungsbedarf, um den Studiengang attraktiver zu machen.

Aber warum überhaupt Pflege studieren? Bekommt man hinterher wirklich mehr Geld? „Auf jeden Fall“, lautete die Antwort, als der neue Studiengang im Juni vorgestellt wurde. „Wir schaffen Studiengänge, die notwendig sind, damit neue Berufsbilder entstehen können“, sagte Wissenschaftsminister Konrad Wolf. Tätigkeiten würden immer komplexer. Für bestimmte Aufgaben brauche man studierte Kräfte, betonte auch Monika Serwas vom  Bildungszentrum der Barmherzigen Brüder.

Eine weitere Herausforderung wird es nun sein, geeignete Professoren zu finden. Ist die Pflege als akademische Disziplin in Deutschland doch noch sehr jung. „Es wird spannend, wie der Markt überhaupt aussieht“, sagt Jäckel – während der anonyme Geisteswissenschaftler  von einer Entscheidung spricht, „die politisch motiviert durchgedrückt wird, obwohl sie rational nicht nachvollziehbar ist“.

Mehr von Volksfreund