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Land begrüßt Gerichtsurteil: Fahrradhelm bleibt freiwillig

Land begrüßt Gerichtsurteil: Fahrradhelm bleibt freiwillig

Selbst wenn Radfahrer ohne Schutzhelm unterwegs sind, haben sie bei unverschuldeten Unfällen mit Verletzungen Anspruch auf vollen Schadenersatz. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Unfallchirurgen empfehlen, einen Helm zu tragen. Das Land begrüßt das Urteil, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) ebenfalls.

Urteil mit Signalwirkung: Radfahrern darf laut Bundesgerichtshof (BGH) bei einem Unfall keine Mitschuld zugewiesen werden, weil sie keinen Helm getragen haben. Die Richter begründen das damit, dass in Deutschland keine gesetzliche Helmpflicht für Radfahrer besteht (Aktenzeichen: VI ZR 281/13).

Geklagt hatte eine Radfahrerin aus Schleswig-Holstein. Sie war auf dem Weg zur Arbeit schwer am Kopf verletzt worden; eine Autofahrerin, die am Straßenrand parkte, hatte die Tür geöffnet. Das Oberlandesgericht Schleswig wies der Verunglückten eine 20-prozentige Mitschuld zu, weil sie keinen Helm getragen hatte. Der BGH hob das Urteil jetzt auf.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), der die verunglückte Radfahrerin bei ihrer BGH-Revision unterstützt hatte, begrüßt die Entscheidung. "Wenn bei Unfällen klar feststeht, dass die Schuld bei anderen Verkehrsteilnehmern liegt, dürfen die Unfallfolgen nicht auf Radfahrer abgewälzt werden, selbst wenn sie keinen Helm getragen haben", sagt Sara Tsudome, Geschäftsführerin des ADFC-Landesverbands Rheinland-Pfalz.

Fabian Bauer vom ADFC-Kreisverband Trier kommentiert: "Ein beruhigendes Urteil." Er lehnt eine generelle Helmpflicht ab, weil dies zu weniger Radverkehr führen würde.

Der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) sieht keinen Anlass, eine gesetzliche Helmpflicht einzuführen. "Ein Helm bietet sicherlich zusätzlichen Schutz beim Fahrradfahren. Im Vordergrund muss jedoch Freiwilligkeit und nicht eine Helmpflicht stehen", sagt er dem Volksfreund. Mehr Akzeptanz für das Helmtragen könne durch Verkehrserziehung und Aufklärung erreicht werden.

Laut Statistik ziehen sich jährlich mehr als 1400 Radfahrer schwere Kopf- und Halsverletzungen zu (2013); nach Angaben der Bundesregierung geht fast jeder zweite tödliche Fahrradunfall auf Kopfverletzungen zurück; im vergangenen Jahr starben 354 Radfahrer bei Unfällen.

Das Brüderkrankenhaus Trier verweist auf die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie, die als präventive Maßnahme gegen Kopfverletzungen einen Helm empfiehlt. Dieser sei besonders für Kinder und Senioren sinnvoll.Pro und Kontra Helmpflicht

Pro: Helmpflicht ist überfälligVon Rolf Seydewitz

Seit 44 Jahren müssen Autofahrer und Beifahrer in Deutschland angeschnallt sein, seit Ende der 1970er Jahre gilt die Anschnallpflicht auch für die hinteren Reihen. Ein Grund, dass die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten im Straßenverkehr seitdem drastisch zurückgegangen ist. Und ein Grund, dass die Beiträge zur Krankenversicherung nicht noch höher gestiegen sind, als dies schon jetzt der Fall ist. Wenn die Bürger nicht von sich aus bereit sind, etwas für ihren Schutz und ihre Gesundheitsvorsorge zu tun, um damit letztlich alle vor explodierenden Kosten zu bewahren, muss der Staat handeln und dies vorschreiben. Vor vier Jahrzehnten verordnete der Gesetzgeber daher Autofahrern den Gurt, jetzt ist es höchste Zeit, Radfahrern den Helm vorzuschreiben. Das hat mit Gängeln nichts zu tun, allenfalls mit der mangelnden Einsichtsfähigkeit vieler Radler. Wer nicht will, soll auch künftig keinen Helm tragen müssen. Er darf sich aber nicht wundern, wenn bei einem Unfall hohe finanzielle Einbußen drohen.Kontra: Helmpflicht ist überflüssigVon Oliver Haustein-Teßmer

In Deutschland sind wir nicht arm an Verboten. Da fehlte eine Helmpflicht für Radfahrer gerade noch. Sicher kann ein Kopfschutz helfen, Unfallfolgen zu mildern. Kindern, noch unsicher unterwegs, lässt sich gut begründen, warum es besser sei, Helm zu tragen - zumal die Kleinen gern mal übersehen werden. Meinetwegen können auch Mountainbiker und Rennrad?freaks mit dem Helm ihre hautenge Uniform komplettieren.

Radfahren ist für die Mehrheit der Menschen jedoch kein Ex?tremsport, sondern gemächliche Fortbewegung im Alltag. Da soll jeder freiwillig entscheiden, in welcher Lage ein Helm notwendig wäre. Auch ohne das Ding könnten mehr Radfahrer als bisher sicher sein: indem sie ebenso die Regeln beachten wie alle anderen Verkehrsteilnehmer. Wenn dann noch Radfahrer auf Straßen mehr Platz bekommen und die Autofahrer die Radfahrer respektieren, eher mal bremsen, statt das nächstbeste Zweirad rasant zu schneiden, ist der Verkehrssicherheit mehr geholfen als mit Zwangsbehelmung.