Land kündigt energischen Kampf gegen Jugendarmut an

Mainz · Die rot-grüne Landesregierung intensiviert den Kampf gegen die Jugendarmut. Anfang Juni wird das Schicksal von jungen Wohnungslosen das Thema eines Fachkongresses in Mainz sein.

Mainz. Sie wollen den engen Schulterschluss: Das Sozial- und Jugendministerium sowie die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege (Liga) arbeiten zusammen, um ihr Ziel zu erreichen: Fachkräfte sollen besser gerüstet werden, um Jugendliche von der Straße zu holen. Zugleich wird das Thema "Jugend und Armut" erstmals eigenständig im kommenden Armuts- und Reichtumsbericht 2014/15 des Landes aufgenommen und untersucht.
Sozialminister Alexander Schweitzer (SPD) äußert sich gegenüber der Rhein-Zeitung: "Jugendarmut ist ein gesellschaftlicher Skandal, dessen Bekämpfung die Landesregierung hohe Priorität einräumt."
Wie drängend das Problem ist, dokumentieren einige Bundeszahlen. Der Familienreport 2011 der Bundesregierung zeigte auf, dass mittlerweile 19 Prozent der unter 18-Jährigen von Armut bedroht sind. Bei 18- bis 25-Jährigen sind es sogar knapp 22 Prozent. Armut bedeutet hier immer Armut im Vergleich, also gemessen an den Lebenschancen, Standards und Perspektiven in Deutschland. Wobei vor allem die Jugendlichen durchs Raster fallen, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben oder denen es an einer soliden Schulausbildung mangelt.
Noch viel Luft nach oben


Rheinland-Pfalz behauptet sich seit einigen Jahren besser als der Durchschnitt. In der Jugendarbeitslosigkeit rangiert es auf Platz 3 im Bundesvergleich - nach Baden-Württemberg und Bayern. Konkret heißt das: In Rheinland-Pfalz sind derzeit (Stand März 2013) 13 316 junge Menschen unter 25 Jahren arbeitslos gemeldet. Zufrieden kann damit dennoch niemand sein.
Eine weitere Kennzahl: Die SGB-II-Quote der Rheinland-Pfälzer zwischen 15 und 25 Jahren beträgt laut Bundesagentur für Arbeit 5,9 Prozent (Stand November 2012). Auch hier belegt Rheinland-Pfalz im Ländervergleich den drittbesten Platz. Die SGB-II-Quote lässt Rückschlüsse auf den Grad der Jugendarmut in einem Bundesland zu, denn sie errechnet sich aus der Summe der Empfänger von Arbeitslosengeld II und Sozialgeld, bezogen auf die Wohnbevölkerung. Im Alter von 15 bis 25 Jahren beziehen rund 27 600 erwerbsfähige Rheinland-Pfälzer Hartz IV. 2006 waren es noch 37 600 junge Menschen. Für die Sozialverbände sind auch diese Zahlen nach wie vor viel zu hoch.
Bei der Bekämpfung der Jugendarmut stützt sich Rheinland-Pfalz unter anderem auf eine Untersuchung mit dem sperrigen Namen "AWO-ISS-Studie". Dabei handelt es sich um eine Langzeitstudie zur Kinder- und Jugendarmut. Das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik hat in dem kürzlich vorgestellten vierten Teil Kinder und Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren befragt.
Das Ergebnis: Der Weg in die Armut führt oft über die Bildungsarmut. Schulische Strukturen müssen so sein, dass sie Armut nicht verschärfen. Fast schon banal klingt der Schluss, dass Jugendarmut natürlich auch von der Einkommensarmut der Eltern abhängt. Sozialminister Schweitzer spricht von dem Ziel der Landesregierung, "die Vererbung von Armut so weit wie möglich einzudämmen".
Rot-Grün im Land betrachtet die Beitragsfreiheit für Kitas als Bestandteil der Armutsbekämpfung. Auch die Sozialfonds für Mittagessen in Kitas und Schulen, die Lernmittelfreiheit, der Ausbau von Ganztagsschulen und Schulsozialarbeit gelten als Bausteine dieses Ansatzes.
Bildungsverbände und Gewerkschaften kritisieren indes, dass bei der rheinland-pfälzischen Schulsozialarbeit noch viel Luft nach oben ist. Und für die CDU-Opposition, die das Engagement gegen Jugendarmut grundsätzlich mitträgt, ist die Beitragsfreiheit in Kindergärten längst kein landespolitisches Tabu mehr.
Bei den Christdemokraten stellt man - vorsichtig - die Frage, ob diese angesichts der hohen Staatsverschuldung noch zu rechtfertigen ist.Extra

Jobfux: Jobfüxe sind Jugendberufshelfer an rheinland-pfälzischen Schulen. Sie dienen den Schülern vor allem in den Abgangsklassen als Ansprechpartner, um den Übergang ins Berufsleben zu erleichtern. Auch Eltern, Lehrer und Ausbildungsbetriebe können sich von ihnen beraten lassen. Im Schuljahr 2012/13 werden 31 Jobfüxe im Land gefördert. Sie erreichen über 4400 Jugendliche. Jugendscout: Das Land fördert 26 Jugendscouts. Sie helfen arbeitslosen Jugendlichen, einen Job zu finden. Derzeit erreichen sie 1800 Jugendliche. Fit für den Job: Mit dem Programm werden im Land 500 Jugendliche in 24 Projekten unterstützt. Wer nicht sofort den Einstieg ins Berufsleben schafft, kann in Werkstätten Erfahrungen sammeln oder erhält ein Bewerbungstraining. Erweiterte Berufsorientierung: Zusammen mit der Arbeitsagentur hat das Land 21 Projekte aufgelegt. 2700 Jugendliche sind betroffen. Man hilft ihnen früh, einen passenden Job zu finden. SKAplus - Arbeit und Leben: Berufsschüler im Land lernen mit bestimmten Methoden Sozialkompetenz. Ziel: Ausbildungsabbrüche vermeiden. ProFIL - Jugend-Hilfe-Verein für den Kreis Ahrweiler: Arbeitslose junge Menschen werden individuell qualifiziert und betreut, um eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle zu erhalten. DB