Leben hinter Mauern

Viele Nordiren machen sich mit Blick auf die Neuwahlen und den Brexit Sorgen.

Belfast (dpa) Gewaltige Mauern und Metallzäune schlängeln sich durch Belfast, manche über zwölf Meter hoch und gekrönt von Stacheldraht. Sie trennen Wohngebiete voneinander, schnurgerade oder im Zickzack-Kurs. Die Katholiken leben auf der einen Seite, die Protestanten auf der anderen.
Knapp 100 solcher "Friedensmauern" oder -linien zerschneiden die Stadt. Zahlreiche Nordiren halten sie für unverzichtbar, gerade jetzt. Denn die Neuwahlen am 2. März und der geplante Austritt aus der Europäischen Union (Brexit) machen viele Bewohner in der ehemaligen Bürgerkriegsregion nervös. "Ich nenne sie nicht Friedensmauern, sondern Teiler", knurrt Isaac, der Touristen in einem typisch britischen Taxi seine Heimatstadt zeigt. Die Zeit, in der Molotowcocktails über die Abgrenzungen flogen, sei vorbei. Schritt für Schritt kehre Belfast zur Normalität zurück, sagt der 44-Jährige. Wer mit Isaac aber dorthin fährt, wo protestantische auf katholische Wohngebiete stoßen, bekommt eine Ahnung von der Angst, die die Bewohner immer noch plagt.
Viele Straßen werden durch massive Tore versperrt, sobald die Dunkelheit anbricht. Die Gärten mancher Häuser, die direkt an den riesigen Mauern liegen, haben zusätzlich einen übergestülpten Metallkäfig als Schutz vor Wurfgeschossen. Wer hier frische Luft genießen will, hockt quasi in einem übergroßen, massiven Hühnerkäfig.
"An dem Haus dort drüben ist der Käfig wieder abgebaut worden", betont Isaac, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. "Ist das nicht ein wunderbares Zeichen, dass Normalität einkehrt?"
Im Nordirland-Konflikt kämpften proirische Katholiken gegen probritische Protestanten. Mehr als 3600 Menschen starben, fast 50 000 erlitten Verletzungen, viele sind noch heute psychisch traumatisiert. Erst das Karfreitagsabkommen beendete 1998 offiziell den Konflikt.
Irland verzichtete auf eine Wiedervereinigung und die Irische Republikanische Armee (IRA) versprach die Abgabe ihrer Waffen. Leid und Hoffnung der Bevölkerung sind noch heute auch auf den "Murals", den Wandbildern auf Häusern und Mauern, erkennbar. Die Zahl der Friedensmauern stieg in den vergangenen Jahren deutlich.
"97 Friedensmauern gibt es zurzeit in Belfast und 17 außerhalb der Stadt", berichtet Neil Jarman vom Institut für Konfliktforschung in Belfast. Die Regierung habe geplant, dass alle Mauern bis etwa 2023 beseitigt seien. "Aber daran glaubt hier niemand."

Die meisten Schulen sind noch heute nach Konfession getrennt, auch bei der Ärztewahl spielt der Glaube eine Rolle. Erst kürzlich explodierte eine Bombe vor dem Haus eines Polizisten, auf einen anderen wurde geschossen. "Solche Vorfälle haben in den vergangenen Wochen leicht zugenommen", sagt Jarman. Warum? Viele seien unzufrieden mit der Politik, meint er.
Nordirland, das zu Großbritannien gehört, hatte mehrheitlich gegen den Austritt aus der EU gestimmt. Denn die künftige EU-Außengrenze zwischen Irland und Nordirland könnte den Handel bremsen. "Die Leute sind außerdem frustriert, dass die Regierung nicht funktioniert."